Klassik-kritik

Der Wanderer ist bei Liedsänger Ian Bostridge ein bitterer Zyniker

Ein Liederzyklus ist Theater, so könnte man Ian Bostridges Interpretation der „Winterreise“ auf den Punkt bringen. Der britische Tenor singt das Schubert-Werk im Kammermusiksaal der Philharmonie. Die Themen der 24 Lieder Schuberts sind: enttäuschte Liebe, Schmerz und Wanderschaft. Aber der Zyklus bleibt eher Bilderreigen in der Vorstellungswelt des wandernden Protagonisten.

Bostridges Talent ist es, diesen Bildern dramatischen Ausdruck zu verleihen. Wenn der Protagonist sich von Krähen verfolgt wähnt, dann verzerrt sich Bostridges Gesicht in Pein. Als sich die Hoffnung auf einen Brief der Liebsten zerschlagen hat, wankt der Sänger mit geballter Faust über die Bühne. Im Laufe des Abends geht Bostridge hünenhaft auf die Zehenspitzen, sackt wie geisteskrank zusammen, dabei immer getragen von seinem grandiosen Pianisten Julius Drake.

Ungewöhnlich ist die Interpretation nicht nur wegen Bostridges Expressivität, sondern wegen seiner Art, den Wanderer als bitteren Zyniker darzustellen. Bostridges Schubert ist ein schwarzer Romantiker. Aber der 52-Jährige wäre kein gefeierter Liedsänger, wenn seine Bühnenpräsenz rein spielerischer Natur wäre. Sein Tenor hat ein prächtiges Volumen, und er versteht es meisterhaft, die harmonischen Spannungen zwischen Klavier und Gesang bis ins Letzte aufrechtzuerhalten. Einzig in den Höhen könnte er mehr Abwechslung zur viel eingesetzten nasalen Klangfarbe bieten. Am Ende des Schlussliedes, dem „Leiermann“, schwillt Bostridge zu einem gewaltigen Fortissimo an, bevor Drake den Schlussakkord in die erstarrte Luft spielt. Nach 75 Minuten Schubert ohne Pause herrscht lange Stille. Dann bricht die Begeisterung des Publikums los.

Die Stille nach dem „Leiermann“ sei ihm sehr wichtig, erzählt Bostridge, als er im zweiten Teil des Abend Passagen aus seinem Buch „Schuberts Winterreise. Lieder von Schmerz und Liebe“ auf Deutsch vorliest. Manchmal, so rezitiert er, sei einem nach Ende des Zyklus gar nach Einsamkeit zumute.

Davon ist an diesem Abend nichts zu merken. Jovial sitzt Bostridge mit einem Weißbier auf der Bühne und diskutiert mit dem Publikum und Moderatorin Sarah Willis. Die Hornistin der Berliner Philharmoniker spricht mit ihm über sein Idol Dietrich Fischer-Dieskau und die Besonderheiten als Tenor-Liedsänger. Er wolle möglichst vielen Menschen zeigen, so Bostridge, was für ein großartiges Kunstwerk die „Winterreise“ ist. Das ist an diesem Abend gelungen.