Klassik-Kritik

Zwei Virtuosen entdecken das Romantische

Gefeiert: Martha Argerich und Mischa Maisky in Berlin

Stehende Ovationen, Pfiffe, Freudenschreie: Am Ende tobt das Publikum in der Philharmonie wie schon lange nicht mehr. Und das nicht nur wegen Martha Argerich, der bedeutendsten Pianistin der Gegenwart. Die Publikumsbegeisterung gilt wohl auch dem Umstand, dass sich die Argentinierin nach einer gefühlten Ewigkeit in Berliner Breiten wieder mit Mischa Maisky zeigt, jenem lettischen Cellisten, mit dem sie damals in den 80ern Duo-Kammermusikgeschichte schrieb. Auch das Programm stammt direkt aus dieser Glanzzeit: die Arpeggione-Sonate von Schubert, Beethovens g-Moll-Sonate op. 5 Nr. 2 und Francks A-Dur-Sonate – altbewährte Schlachtrösser der beiden Interpreten, die sie bereits vor Jahrzehnten gemeinsam auf Tonträger gebannt haben.

Doch während sich die Argerich nach wie vor auf dem Zenit ihres Schaffens zu befinden scheint, hat der Zahn der Zeit bei Maisky deutliche Spuren hinterlassen. Trotz zahlreicher Genialitätsblitze, die ihn auch an diesem Abend ereilen, lassen sich Intonationsschwächen nicht wegdiskutieren. Besonders hörfällig wird das gleich zu Beginn in Schuberts Arpeggione-Sonate, einem zugegebenermaßen für Cello ziemlich verflixten Werk. Ursprünglich war es von Schubert für ein Zwitterinstrument gedacht, einen Hybrid aus Cello und Gitarre. Durch die Übertragung aufs Cello ergeben sich Situationen, die sich nur mit höchstem akrobatischem Geschick meistern lassen. Maiskys hochtouriges Vibrato erzeugt den Eindruck von spätromantischer Nervosität und Verzweiflung.

Die Argerich dagegen glänzt und perlt hochromantisch im Hintergrund. Sie verleiht Schuberts Werk Stabilität und künstlerische Gestalt. In Beethovens Sonate op. 5 Nr. 2 bringt sich die Argentinierin auffälliger, aber noch immer sehr zuvorkommend ein. Maisky pflegt in diesem Frühwerk Beethovens von 1797 weiterhin einen launischen spätromantischen Stil, mit nunmehr deutlich gesteigerter Geräuschhaftigkeit. Die Argerich tendiert eher in Richtung Frühromantik.

Immer wieder greift Maisky zwischen den Sätzen und Werken zu einem Handtuch, um sich ausgiebig den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Auch hier unterscheiden sich beide Interpreten grundsätzlich: Martha Argerich braucht ein derartiges Utensil nicht. Ihr ökonomisches, hocheffektives Klavierspiel bleibt ohne eine einzige Schweißperle.

Und César Francks A-Dur-Sonate? Eigentlich sollte die Argerich dieses Werk, das im Original für Violine und Klavier gesetzt ist, bereits im letzten Jahr spielen – mit Stargeiger Gidon Kremer, dem zweiten wichtigen Kammermusikpartner ihrer Karriere. Dass sie damals kurzfristig abgesagt hatte, war bedauerlich. Doch um wie viel spannender wäre es wohl gewesen, sie mit Gidon Kremer bei Francks vielleicht bestem Werk zu hören! Maisky nämlich knüpft auch hier wieder reichlich vorherhörbar an das an, was er bereits im Schubert und Beethoven zelebriert hat: spätromantischen Verzweiflungsschmerz und manierierte Nervosität.