Kultur

Fröhliche Problemfamilie

Das Junge DT nimmt sich schnörkellos eines Romans von Antonia Baum an

Romy (Linn Reusse), Johnny (Thorsten Hierse) und Clint (Benjamin Lillie) haben einen Autounfall. Sie waren betrunken und voll Drogen auf der Suche nach ihrem Vater, Theodor, der zum Geburtstag der Zwillinge Romy und Clint nicht aufgetaucht ist. Theodor, erfährt man in Rückblenden, hat die Kinder nach dem Tod der Mutter aufgezogen. Er lebt von mittelschwerer Gangsterei und hat nur vorm Jugendamt Angst, das etwas zu genau ins Leben dieser Kleinfamilie leuchten könnte.

Regisseurin Anja Behrens hat zusammen mit jungen Ensemblemitgliedern und Jugendlichen des Jungen DT Antonia Baums burlesken Coming-of-Age Roman „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ auf die Bühne gebracht. Sie animiert geschickt gewählte Stellen des Romans, teilt die Figuren auf verschiedene Schauspieler und Zeitstränge auf. Das führt teils zu schnell geschnittenen Doppel-Duo-Szenen, in denen die jüngeren Darsteller die Sätze der älteren zu Ende sprechen und umgekehrt. Und das hat nichts von verstaubter Lehrstück-Ästhetik („Guckt mal, wir machen hier Theater“), sondern den Drive guter Musikvideos.

Wie die Figuren ohnehin aus dem Hip-Hop gespeist erscheinen – seiner Drastik, seinem Flow. Cool zeigt sich diese Herkunft im Stück, wenn Reusse und Lillie beim Sprechen in den Knien federn, die Arme locker aus den Schultern pendeln lassen; etwas weniger natürlich, wenn das Ensemble zwischendurch für eine halbe Minute in Rumgebange zu Beats ausbricht. Vielleicht der einzige unnötig modische Moment des Abends. Sonst kommt die Inszenierung ohne Schnörkel aus, ohne Requisiten sogar. Jessica Rockstrohs Bühnenbild besteht aus einem Klumpen Autoschrott, der grün schimmernd über den Köpfen der Spielenden hängt. Der Rest wird allein durch das junge Ensemble getragen, seine Gruppierung zu immer neuen Tableaus, von Dialogen durchbrochen. Eine auch in der Form durch und durch musikalische Aufführung.

Da stört es nicht, dass Romy – auch im Roman die Erzählerin – viel davon übernimmt, Handlungsstränge zu skizzieren. Wie aus diesen Erzählteilen immer wieder in Szenisches gesprungen wird, wie Vater Theodor mal von Hierse, mal von Lillie gespielt wird – das sind sehr gelungene Lösungen für das Problem, wie man einen Prosatext ins Theater übersetzt. Die Hassliebe der Geschwister für ihren unmöglichen Vater wird so ins Körperliche überführt, aus dem Bericht transponiert in Darstellung, in einem grundlegenden Sinn.

Wie im Leben der drei Kinder ist ihr Vater jedoch auch in der Inszenierung immer auch halb abwesend. „Mit dir als Vater muss man den ganzen Scheiß alleine regeln, sogar Sorgenmachen um sich selbst, weil du nicht mal das für einen übernimmst“, sagt Romy einmal zu ihm. Vor allem Benjamin Lillie sorgt in seiner Theodor-Version dafür, dass diese Figur nicht wie reiner White Trash daherkommt, sondern einen lausbubenhaften Charme behält.

Nebenbei spielt Lillie auch noch die gelangweilte Frau Sellerie vom Jugendamt und eine furiose Szene mit dem jungen, sehr guten Oskar von Schönfels auf dem Arm, in der sie gemeinsam Mitschülern gegenüber zum ersten Mal einen – wenn auch frei erfundenen – Außenseiterstolz entwickeln: „Unser Vater ist Arzt, klar? Wir diskutieren zu Hause die blaue Phase von Picasso, während eure Scheißeltern überhaupt nicht einmal wissen, wer Scheißpicasso war!“

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Termine: 17.3. 19.30 Uhr 12.4. 18.00 Uhr, 28.4.19.30 Uhr