Klassik-Kritik

Bei Mendelssohn hat der Dirigent die Lust verloren

Tugan Sokhiev und sein DSO haben sich auseinandergelebt

Wenn man dieser Tage wissen möchte, wie es um das Verhältnis zwischen dem Deutschen Symphonie-Orchester und seinem Noch-Chefdirigenten Tugan Sokhiev bestellt ist, muss man gar nicht erst die Musiker fragen. Es reicht der Eindruck, den sie im Konzert hinterlassen. Aber eigentlich möchte das Publikum gar nicht so genau wissen, wie wenig Dirigent und Orchester nach drei Jahren Zusammenarbeit künstlerisch noch verbindet. Das Publikum ist eher wegen der Musik gekommen. Wegen eines Programms, das sich zu zwei Dritteln wie ein Wunschkonzert für Zuhörer und Orchester zugleich liest: Prokofieffs pfiffige „Symphonie classique“ und Mendelssohns gewichtige dritte Sinfonie stehen an. Zwei Klassiker der Musikgeschichte. Doch was machen das DSO und Sokhiev damit in der Philharmonie? Zunächst einmal sehr Unterschiedliches. Während Sokhiev bei Prokofieffs offiziellem sinfonischen Erstling kühle Noblesse und feinsinnigen Humor zu fordern scheint, tritt ihm das DSO betont bodenständig entgegen. Die „Symphonie classique“, eigentlich ein Werk voller übersprudelnder Ideen und genialischer Farben, wirkt unter Sokhiev hemdsärmelig, manchmal gar rumpelig.

Der Unterschied zu Mendelssohns Dritter allerdings ist: Hier versucht Sokhiev noch aktiv zu gestalten, das Orchester zu mehr Leichtigkeit und Freudenfeuer zu animieren. In Mendelssohns Dritter dagegen überlässt er das Orchester weitestgehend sich selbst – als hätte er nunmehr die Lust verloren. Und ausgerechnet dieses Mendelssohn-Werk, das die DSO-Musiker spürbar lieben, gerät zum Tiefpunkt der gesamten Konzertsaison. Mal klingt es glatt und unpersönlich, dann wieder ungepflegt und aufdringlich. Auch schön klingt es zuweilen, sodass man sich fast zurücklehnen möchte – die Musiker agieren hier allerdings ziemlich unabhängig von dem, was Sokhiev möchte oder nicht möchte.

Nur einmal geht es an diesem Abend wirklich um die Musik und nichts als die Musik: in Aribert Reimanns „Tarde“ aus dem Jahre 2003. Es ist ein Werk für Sopran und Orchester, das auf einem kurzen Gedicht des Spaniers Juan Ramón Jiménez beruht und verschiedene Stadien einer Depression zu erforschen scheint. Mit interessanten, unverbrauchten Klängen, die sich konsequent an der Gesangsstimme der Sopranistin Claudia Barainsky orientieren. Vor kurzem hatte der Berliner Komponist Reimann seinen 80. Geburtstag gefeiert. Beim DSO genießt er hohe Wertschätzung, wie nun dieses nachgereichte Geburtstagsständchen zeigt. Sogar solch hohe Wertschätzung, dass für kurze Zeit alle Differenzen zwischen DSO und Sokhiev beigelegt scheinen.