Kultur

„Meine Musik ist keine Schlaftablette“

Komponist Max Richter spielt im Berliner Kraftwerk eine achtstündige Nachtmusik

Der Komponist wirkt nachdenklich vielleicht ist er auch einfach nur müde. Max Richter ist gerade dabei, seinen Biorhythmus auf den Nachtbetrieb umzustellen. Mit seinem siebenköpfigen Ensemble wird er acht Stunden lang über Nacht spielen. Und das gleich drei Nächte nacheinander. „Sleep“ heißt das Programm im Heizkraftwerk Mitte. 400 Betten wurden am Montag im Raum aufgestellt. Die Zuhörer sollen Schlafsäcke und Kissen mitbringen. Bei diesem Projekt des Festivals „MaerzMusik“ sollen sie bei der Musik einschlafen, Max Richter hingegen nicht. „Das Projekt ist so etwas wie ein Langstreckenlauf“, sagt er: „Darauf muss man sich vorbereiten und ausreichend schlafen. Kein Musiker kann sonst acht Stunden über Nacht durchspielen.“

Es ist schon spät am Abend, als unser Gespräch im „Soho-Haus“ in Mitte stattfindet. Das ist ein Hotel, in dem Plattenfirmen ihre sogenannten hippen Kreativen gern präsentieren. Max Richter hat es sich im Sessel bequem gemacht. Er gehört eher zu den Musikern, die nicht viel reden und schon gar nicht sich selbst oder ihre Werke anpreisen wollen. Er ist freundlich, immer positiv argumentierend. Und wenn er über eine Frage erst nachdenken will, dann beginnt er seine Antwort gern mit den Worten „ja, das ist sehr interessant“ oder „das kann sein“. Manchmal ringt er nach den richtigen Worten und fällt ins ihm vertrautere Englische zurück. Auf die Frage, ob er Deutscher oder Brite ist?, antwortet Richter, er sei irgendwo in der Mitte. Geboren wurde er 1966 in Hameln. Als er ein Jahr alt war, zogen seine Eltern als Ingenieure nach Großbritannien, er wuchs nahe London auf. Er studierte Klavier und Komposition an der University of Edinburgh und an der Royal Academy of Music. Dann zog er nach Florenz, um beim Komponisten Luciano Berio zu lernen. Zuletzt hat er sieben Jahre lang mit Frau und drei Kindern in Berlin gewohnt. Inzwischen sind sie wieder nach London zurückgezogen. „In Musik und Film sprechen die Leute Englisch, selbst die Deutschen untereinander“, sagt Richter.

Europäischer Filmpreis für „Waltz with Bashir“

Der Wohnort ist also auch eine Frage des Geschäfts. Richter ist ein angesagter britischer Komponist. Dreiviertel aller Filmangebote lehne er ab, sagt er. Vor allem als Filmkomponist hat sich Richter einen Namen gemacht und beispielsweise die Musik zum dokumentarischen Trickfilm „Waltz with Bashir“ über den Libanonkrieg komponiert. Dafür bekam er 2008 einen Europäischen Filmpreis. Er nimmt Alben auf („Infra“ oder „Sleep“), arbeitet gerade an einem neuen Ballett für das Nederlands Dans Theater und an Musik für die US-Serie „The Leftovers“. „Das kann sein“, sagt er auf die Frage, ob denn die Filmmusik die zeitgenössische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist? Seine Begründung dafür ist überraschend. „In der Filmmusik hören sich die Leute die verrücktesten Sachen an, ohne dass sie gleich aus dem Theater heraus laufen.“ Das Zeitgenössische hat es nie leicht, aber dunkle Säle behindern das Weglaufen.

Im „Soho-Haus“, gleich hinter seinem Sessel, steht ein Retro-Schallplattenspieler. Er habe eine große Plattensammlung bestätigt er, auch wenn er lächelnd auf das auf alt gemachte Gerät schaut. Schon als Teenager habe er sich elektronische Instrumente zusammen gebastelt, weil man ja noch keinen Synthesizer kaufen konnte. Elektronisches und klassische Musik gehören für ihn zusammen. Seine ersten Erinnerungen an zeitgenössische Komponisten wie Philip Glass oder Morton Feldman gehen in seine Teenagerzeit zurück. Zu der Zeit war der Milchmann in London offenbar eine Art Künstlerberuf. „Er lieferte morgens die Milch aus, ging nach Hause und schrieb an seinem Roman“, sagt Richter: „Aber einmal in der Woche kam er nachmittags, um die Rechnung zu bringen. Einmal hörte er mich Beethoven üben. Daraufhin fing er an, mir die experimentellen Musikplatten mitzuliefern.“

Seine Musik zu „Sleep“ mag eher an meditative Wellnessmusik erinnern. Richter selbst kündigt das Stück als „Wiegenlied für eine hektische Welt“ an. Das ist insofern bemerkenswert, weil gleich nebenan im ehemaligen Heizkraftwerk der Techno-Club „Tresor“ residiert. Berlin hat seit den 90er-Jahren seine eigene Nachtmusik. Techno ist das rauschhafte, gewaltsame Wachbleiben. Es war wohl der Zeitgeist nach der Wiedervereinigung, sich möglichst viel vom Leben zu nehmen. Richter ist hingegen ein Kind der englisch-amerikanischen Minimal-Music-Tradition. Es sind Klänge des Entfliehens, der leisen Melancholie, des sich gut fühlen wollens. Techno sei eine andere Energie, sagt er: „Aber es ist verwandt.“

Ein Neurowissenschaftler war Berater des Konzertprojekts

„Sleep“ sei ein experimentelles Projekt, um herauszufinden, „wie Musik und Bewusstsein zusammenpassen“. Dafür hat Richter auch mit einem guten Freund, der Neurowissenschaftler ist, gesprochen. „Viele Leute schlafen ja nicht gut“, sagt er. Für ihn sei dagegen schon als Kind Schlafen eine Lieblingsbeschäftigung gewesen. Aber das Schlafen, Träumen und Verarbeiten ist sein Thema. Ganz beiläufig fällt der Name des Freud-Schülers Carl Gustav Jung. „Ich schaffe eine Landschaft, in der die Menschen schlafen können“, sagt Richter: „Ob das bei 400 Leuten gleichzeitig funktioniert, wissen wird nicht. Aber meine Musik ist keine Schlafta­blette.“

In London hat sein Ensemble, zu dem Klavier, Streicher, Elektronik und Gesangsstimme gehören, bereits eine Art Probe mit einer Gruppe von 50 Schläfern gemacht. „Es fühlte sich an wie ein Lagerfeuer“, sagt er. Jetzt kommt die Weltpremiere. „Auf jeden Fall wird es eine intensive Reise durch die Nacht werden.“

Kraftwerk Mitte, Köpenicker Str. 59–73. Vom 15. bis 17.3, jeweils von 0 bis 8 Uhr