Kultur

Japanische Kinder spielen bei den Philharmonikern

Stanley Dodds dirigiert das Soma Children’s Orchestra

Das Soma Children’s Orchestra (SCO) aus der Präfektur Fukushima wird heute im Kammermusiksaal ein Benefizkonzert spielen, Geiger Stanley Dodds, ein Berliner Philharmoniker, wird sie dirigieren. Bei der Pressekonferenz bekommt Dodds als erster das Wort. Er solle ein dreiminütiges Statement abgeben, wird ihm gesagt. Dodds schaut etwas überrascht auf seine Uhr. Er berichtet über das langjährige, enge und vertraute Verhältnis der Philharmoniker zu Japan, wo man ja regelmäßig gastiert, und bleibt mit seinem Statement in der Zeit. Aber dann beginnt das Merkwürdige in der Zweisprachigkeit. Wenn etwas aus dem Deutschen ins Amerikanische übersetzt wird, hat man oft das Gefühl, die Hälfte wird unterschlagen. Bei der Übersetzung ins Japanische hingegen entsteht der Eindruck, die Dolmetscherin habe noch den Lebenslauf und eine Speisekarte hinzugefügt und ausführlich kommentiert. Dodds knappe Ausführungen nehmen bei ihr kein Ende.

Nach ihm ist Yutaka Kikugawa, Direktor von El Sistema Japan und damit der Orchestergründer, dran. Er spricht gefühlt 20 Minuten, nach etwa der Hälfte der Zeit lachen alle im Raum los. Bis auf die drei Mitteleuropäer, die gekommen sind und sich auf die Übersetzung freuen. Herr Kikugawa gehört zu jenen, die Tacheles reden. Er muss erst einmal die wahre Geschichte erzählen, die so nicht im Programmheft steht. Es ist tatsächlich eine rührende Geschichte, wie sie so nur im Umfeld der Berliner Philharmoniker passieren kann. Mitglieder des Philharmonischen Bläserquintetts waren in Japan, kurz nachdem dort am 11. März 2011 das Erdbeben, der Tsunami und die Reaktorkatastrophe stattfanden. Betroffene Kinder wurden nach Tokio ins Konzert eingeladen. Hornist Fergus McWilliam erzählte dem damaligen Unicef-Mitarbeiter und Katastrophenhelfer Kikugawa vom venezolanischen Musikerziehungsprogramm El Sistema. Der hörte aufmerksam zu, mehr aber nicht.

Dann rief aus Berlin Peter Hauber von den IPPNW-Concerts (Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs) an. Kikugawa sagte ihm, es gäbe doch gar kein Projekt. Hauber sagte ihm, er müsse ran, dass Benefizkonzert sei bereits angekündigt. Es fand statt. Kikugawa hatte seinen Job gekündigt und El Sistema Japan gegründet. Im Juli vergangenen Jahres dann erreichte Hauber eine Mail aus Soma. Die Kinder seien so weit, stand da, sie wollen jetzt in Berlin Beethovens 5. Sinfonie spielen und das mit den Philharmonikern. Hauber war etwas verunsichert, wie er sagt. Jetzt sind die 37 jungen, mutigen Japaner zwischen acht und 18 Jahren in Berlin. Sie proben gemeinsam mit Philharmonikern und Stipendiaten. Im Kammermusiksaal werden sie heute um 20 Uhr Beethovens Fünfte spielen. Darunter geht es wohl nicht. Das Projekt ist großartig.