Kultur

„Hair“: Aufgedrehtes Kostümfest im Admiralspalast

Wir würden Ritalin empfehlen: „Hair“

Der Saallicht ist noch an, da mischen die Hippies bereits das Establishment auf. Mehrere Mitglieder des Ensembles der New Yorker Broadway Musical Company gehen zwischen den Sitzreihen entlang, reiben sich an Gästen oder vergeben Komplimente. Eine junge Sängerin zeigt stolz ihre behaarten Achselhöhlen vor, ein älteres Paar macht ein Foto. Das ist er wohl, der nonkonformistische Geist des berühmtesten Musicals der Gegenkultur, das heute Abend im Admiralspalast wieder aufleben darf. Die idealistischen Hippies und die Menschen, die sie auf der Bühne spielten, waren ja tatsächlich mal ein kurzes Zeitfenster lang identisch, das sich bald nach 1968, dem Jahr der Uraufführung, aber wieder schloss. Seitdem gleicht jede „Hair“-Vorführung einem Kostümfest.

Die 16-köpfige Truppe, die auf der Bühne steht, ist mit ihren gedruckten Batik-Shirts, den Langhaarperücken und John-Lennon-Brillen ist in etwa so authentisch wie die Les Humphries Singers. Hier wird nichts nostalgisch verklärt, der Regisseur und ehemalige Darsteller Andrew Carn scheint in seiner Inszenierung eher zeigen zu wollen, was für verrückte Hühner diese Blumenkinder doch waren. Wenn sie sich in Provokationen überbieten, ins Wort fallen oder trotzig den naivsten Quatsch wiederholen wirken sie wie unartige, nervtötende Kinder. An einer Stelle werfen sie sich in einem Gemeinschaftsritual gegenseitig LSD in den Mund und man wünscht sich, es wäre Ritalin.

Mit auf der Bühne steht eine Band aus unscheinbar aussehenden Session-Musikern, die unter dem singenden Sack Flöhe geradezu unsichtbar ist. Ohne eine Miene zu verziehen spielen sie die Musical-Klassiker des Komponisten Galt MacDermot in muckerhafter Blues-Rock-Manier, knapp 30 Songs, die von der amerikanischen Truppe in Originalsprache vorgetragen werden. Nadine Kühn, die einzige Deutsche unter den Darstellern, übersetzt sporadisch aus dem Englischen. Die Choreographie an sich ist sorgsam geordnetes Chaos, die Stimmen durchweg groß. Besonders Newcomer Devin Holloway verblüfft mit einer die Geschlechter transzendierenden Soul-Stimme, die manchmal an Prince erinnert.

Im Publikum sitzt auch eine Gruppe junger Besucher aus Afghanistan, die sich prächtig amüsiert über die Männer in Frauenkleidern, über Berger, der einen überdimensionalen Joint raucht oder die „Hare Krishna“ skandierenden Frauen in Mönchsroben, die auf einem Sonnenwagen auf die Bühne fahren, auf dem in Kinderschrift „Shanti“ geschrieben steht. Als die beiden Hauptdarsteller sich aus Versehen küssen (die Frau zwischen ihnen hatte sich im letzten Moment weggeduckt), lacht der Saal gemeinsam auf. Unter all dem Slapstick sind die freiheitlichen Ideale des Stücks sicher erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Vielleicht bekommen die jungen Afghanen aber immerhin eine Ahnung davon, warum unsere Gesellschaft so ein Faible für betont schwule Typen, Räucherstäbchen und diffus fernöstliche Esoterik pflegt.

„Hair“ im Admiralspalast, Friedrichstr. 101 , 11.3.–13.3.