Kultur

Ländler und Märsche auf Arabisch

Komponist Jörg Widmann stellt mit der Jungen Deutschen Philharmonie „Dubairische Tänze“ vor

Beifall für die Junge Deutsche Philharmonie, die auf ihrer Tournee mit Jörg Widmann wieder einmal zeigt, welch hohes Potenzial in ihr steckt. Unter der Leitung des Münchners wachsen die jungen Musiker weit über sich hinaus. Jörg Widmann ist ein weltweit gefeierter Klarinettist und Komponist, als Dirigent ist er weniger bekannt. Im Konzerthaus dirigiert er. Aber er weiß, dass er die Verantwortung teilen muss. Und so spielt jeder einzelne Musiker das ideale Tempo. Allen voran die ausgezeichnete Konzertmeisterin der Jungen Deutschen Philharmonie, Stella Manno.

In Mozarts Klarinettenkonzert ist Widmann Solist, und auch mit seinem Spiel beflügelt er die jungen Musiker um sich herum, die Musik in eine amorphe, lebende und atmende Masse zu verwandeln. Die ideale Verschmelzung, der Tanz umeinander ist so spielerisch und ernsthaft zugleich, als würde das Mozartwerk in diesem Moment neu erfunden.

Die Besucher im immerhin zu drei Vierteln ausverkauften Saal sind gespannt auf Jörg Widmanns eigenes Werk „Armonica“, benannt nach der Glasharmonika, die als Soloinstrument schon Mozart bekannt war, aber sehr selten zum Einsatz kommt. Wie ein auf der Seite liegender Dönerspieß sieht die von Benjamin Franklin erfundene Armonica aus. Mit zwei Pedalen bringt die Solistin Christa Schönfeldinger den Mechanismus in Schwung, der den riesigen Glastropfen sich um die Längsachse drehen lässt. Der Körper besteht aus ineinander geschobenen Glasglocken, auf deren Rändern mit feuchten Händen die Töne erzeugt werden. Der sphärische Klang wird durch Celesta und mit starkem Luftrausch gespieltes Akkordeon unterstützt. Jörg Widmann hat hier verschwimmende, sich wieder spreizende, verbeulte und wie nach außen gestülpte Klänge erfunden wie aus einer anderen Welt.

Sehr bodenständig sind dagegen seine „Dubairischen Tänze“, in denen er bei einem einmonatigen Aufenthalt in Dubai Ländler und Märsche aus seiner bayrischen Heimat dekonstruiert. Wie in Traumsequenzen schweben mal die Einzelteile eines Jodlers davon, mal fügen sich Tanzmelodiefetzen zu einem wackelnden, eiernden Mechanismus zusammen.

Ebenfalls auf einer Bildungsreise befand sich der 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy, als er zu seiner dritten Sinfonie, der „Schottischen“ inspiriert wurde. Jörg Widmann dirigiert sie ganz vertikal; das Fortschreiten der Musik scheint für Momente vollkommen nebensächlich, aber die Bezüge zwischen den Instrumenten sind hoch konzentriert. Widmann schöpft den Klang mit bloßen Händen, dann wieder lässt er die Arme sinken und blickt die Musiker nur an, während sie den schottischen Hochlandnebel zwischen sich wallen lassen. Sehr viel geschieht an diesem Abend durch die Ermutigung zu intuitivem Musizieren. Nie geht auch nur eine einzige Stimme verloren, es herrscht großes Vertrauen. Und am Ende Jubel.