Passionskirche

Tanita Tikaram live ist wie Radiohören

Mit 19 Jahren hatte Tanita Tikaram ihren einzigen großen Hit. Beim Berlin-Konzert sang sie mit der bekannten Sehnsucht in der Stimme.

"Twist in my Sobriety" war ihr großer Hit. In der Passionskirche spielte Tanita Tikaram auch Songs von ihrem aktuellen Album

"Twist in my Sobriety" war ihr großer Hit. In der Passionskirche spielte Tanita Tikaram auch Songs von ihrem aktuellen Album

Foto: Getty Images / Redferns/Getty Images

Ladies and Gentlemen, this is Tanita Tikaram, sagt der Saxophonist mit Hut in der Kirche. Vorne unter den Orgelpfeifen steht er, neben dem Kruzifix. Und dann sieht man kurz in seinen Schoß und sieht dann wieder hoch und da taucht sie auf, die Frau, die ihre größten musikalischen Erfolge feierte, als sie 19 war. Als sie, wie sie auf dem Konzert immer wieder erzählt, noch sehr, sehr jung war, und gar keine Ahnung von Liebe hatte, aber natürlich doch darüber sang. Wie auch heute noch.

Fast dreißig Jahre später. Ihr neues, ihr neuntes Album „Close to the People“ ist gerade erscheinen. Im roten Anzug singt sie wieder Lieder über Liebe, die so klingen, als käme man am frühen Morgen in eine kalt gefließte Küche zu einer dünn gefließten Frau, die nackt in die gerade aufgehende Sonne ihre Sehnsucht hinaus singt. Nicht so laut, dass sie die Nachbarschaft damit wecken würde, und mit einer Stimme wie ein tiefer Augenhohlraum. Dazu klingen ein getragener Kontrabass, immer ein anderes Blasinstrument und eine Menge öliger Tastentöne, die als einzige vergnügt scheinen, wie die kleine Ente, die man am Kircheneingang auf das Handgelenk gestempelt bekommen hat.

Ihr Konzert, es ist ein bisschen wie Radiohören. Zu beinahe jedem Song, bekommt man eine Anmoderation. Dieses Lied schrieb ich zusammen mit meinem Bassisten. Das nächste Lied schrieb ich während ich im amazonischen Regenwald lebte und da eine mysteriöse Frau traf. Und dann singt sie, wie diese Frau ihr den Tau von den Fingerspitzen leckte, und tanzte wie ein Derwisch. Zu der autobiografischen Geschichte tappst der Kontrabass, als würde jemand kleine leichte Schritte durch ein Dickicht laufen. Applaus.

Die Sängerin trinkt Wasser aus einer Plastikflasche. Das nächste Lied, sagt sie, handelt von dem leckeren Gefühl, wenn man jemanden verliert, dieses Gefühl, dass man zwar traurig ist, aber auch froh, weil man weiß, man wird die Verlorene immer auch weiterlieben. Und dann singt sie. Und das das nächste Lied, sagt sie, das handelt von einem unangemessenen Hunger nach Jemanden. Und das Publikum, das sitzt sich durch diese Sehnsucht.

Ein Anflug von ZDF-Fernsehgarten

Wir sind hier in der Kirche, sagt Tikaram dann. Ein Guter Zeitpunkt für eine Beichte. Früher, sagt sie, da wollte ich gar nicht Singer-Songwriter werden, da wollte sie ein Rock’n’Roll-Star werden. Aber das wird wohl nie passieren, räumt sie ein, und spielt „Rock & Roll“, ihre Gitarre dazu rauer, viel rauer, fast so rau wie ihre Stimme. Das Saxophon darf sich zu diesem Lied ausschwingen, wie ein Tellerrock. Und die deutsche Kirche, sie schrumpft auf angenehme New Yorker Jazz-Club-Größe zusammen.

Das Licht wird schummrig. Rauchschwaden scheinen in der Luft zu hängen. Tikaram schnipst. EXIT leuchtet über dem großen beschlagenen Fenster auf, davor liegt Kopfsteinpflaster und regennasse Nacht. Natürlich. Aber dann, dann gefällt dem Publikum diese Stimmung zu gut. Und es weiß sich nicht anders zu helfen, es glaubt es muss das zeigen, und beginnt im Takt mitzuklatschen. Plötzlich, da sitzt man also im ZDF Fernsehgarten. Man will sich fast ärgern, aber denkt dann, ach, es ist ja auch schön zu sehen, dass die Menschen sich freuen, dass sie Spaß haben, denn das sollen sie ja. Was anderes macht ja langfristig auch keinen Sinn.

Der nächste Song, sagt sie lapidar, den schrieb sie als sie sehr jung war. Die ersten Töne erklingen und das Publikum applaudiert, johlt. Es ist „Twist in my Sobriety“. Alle sind deswegen hier. Jeder kann mitsingen. Und so steht die Tikaram mit ihrem großen Hit einer Kirchengemeinde gegenüber die schüchtern flüsternd singt. Und nach dem Song geschlossen auf Toilette geht. So ist das eben. Tikram setzt sich an den Flügel. Schiebt sich die Haare zurück. Singt ein Lied zu dem sie die Jazz-Sängerin Anita O’Day inspiriert hat. Und dann noch Elvis englische Version von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ - weil es deutsch ist. Und irgendwie furchtbar. Aber bei all den Elvis-Imitatoren auf dieser Welt, die Tikaram im Anzug mit der Gitarre, sie kommt ihm vielleicht doch am allernächsten. Und dann, bekommt sie Blumen. Man guckt in seinen Schoß, guckt wieder auf, und die Sängerin ist weg.