Klassik-Kritik

Ein Komponist führt die Werkzeuge fürs Schrille vor

Helmut Lachenmann beim Landesjugendensemble Berlin

„Dieses Stück hat Orchestermusiker im Jahr 1966 unsicher gemacht wie verwundete Rehe“, sagt Helmut Lachenmann (80) nicht ohne Stolz. Der Nestor der deutschen Musik-Avantgarde ist extra aus Stuttgart ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt gekommen, um mit dem Landesjugendensemble Berlin eines seiner frühen Durchbruchswerke einzustudieren: „Notturno (Musik für Julia)“ für kleines Orchester und Violoncello solo. Für die im Durchschnitt etwa 16-jährigen Musiker des Kammerorchesters mitsamt dem etwa zehn Jahre älteren Solocellisten Hugo Rannou ist so ein Lachenmann ein harter Brocken, jedoch zugleich der Vorstoß ins Innerste dessen, was international als „klassische Avantgarde“ bezeichnet wird. Von der internationalen Neuen-Musik-Szene dürften die jungen Musiker darum beneidet werden, dass sie für ihr Konzert im Werner-Otto-Saal vom Meister persönlich Anleitung bekommen haben, ebenso wie das Publikum: Lachenmann demonstriert noch einmal die Werkzeuge einer, wie er sie nennt, „Musique concrète instrumentale“, also der Klangerzeugung auf Instrumenten ohne das Primat der Ordnung und des Schönklangs: Kratzen auf dem Steg des Cellos, Schlagen gegen den Korpus, Streichen an allen möglichen und unmöglichen Stellen.

Das Landesjugendensemble macht keineswegs den Eindruck, in den Proben ein verwundetes Reh geworden zu sein. Dennoch merkt man auch noch bei Musikern, deren Eltern zum Zeitpunkt der Uraufführung mal gerade geboren waren, dass die Energie, das Tempo und die Dichte an bizarren Klangereignissen aus wütendem Protest gegen den saturierten Schönklang à la Karajan, gegen den Musik- und Orchesterbetrieb der 60er-Jahre erwuchs.

Das Konzert ist von den Leitern des Landesjugendensembles Jobst Liebrecht und Gerald Scherer klug programmiert: Nach Lachenmann folgt eine Gedicht-Vertonung nach Enzensberger von Elena Mendoza. Was bei Lachenmann an Klang- und Geräuscherfindungen aus Zorn erwuchs, klingt bei ihr ähnlich, aber weniger sperrig und unbequem. Jenes Geräusch, welches ein Lachenmann unter Schmerz und Streit vom Schönklang emanzipierte, hat sich in Mendozas Stück „Dort, doch, auch, nicht, vielleicht“ geruhsam sedimentiert, ist klanghistorische Schicht geworden.

Die elfenhafte Poesie wird verstärkt durch die Gedichtzeilen, die von den jungen Musikern vereinzelt in den Saal gerufen werden. Auch das ist eine gekonnte Heranführung der jungen Leute an das Ausdrucksarsenal der Avantgarde, in welchem man sich wohl erstmal zuhause fühlen muss, wenn man dereinst Mitglied eines Neue-Musik-Spezialensembles werden will. In Stefan Streichs „Ritorno Grosso“ zeigt das Landesjugendensemble schließlich samt seiner Solisten an Bratsche und Bassflöte Lina-Marie Däunert und Jonas Kämper, dass es auch in anderen Disziplinen der Neuen Musik, etwa in rhythmisch komplexen Feldern, eine bewundernswerte Binnenkoordination und Souveränität an den Tag legt.