Klassik-Kritik

Pianist Kissin traut sich an Salonmusik nach Beethoven

Nach den Repertoire-Schwergewichten Beethoven und Brahms einfach Isaac Albéniz spielen. Nach den unerbittlichen Schicksalsschlägen der „Appassionata“ op. 57 und den grüblerischen Endzeitvisionen der Intermezzi op. 117 plötzlich zur spanischen Salonmusik der Spätromantik schwenken. Das muss man sich erst einmal trauen. Doch der ewige Wunderpianist Evgeny Kissin, bislang nicht gerade als Albéniz-Anhänger aufgefallen, kann sich auch diese Musik auf spannende Weise anverwandeln. Spannend, weil hier viele Dinge, die sonst sein vielgerühmtes Chopin-Spiel prägen, so frappierend zum Vorschein kommen: die weiche, edle Begleitung der linken Hand, der vielfarbig schillernde Diskant, die zuweilen eigenwilligen Artikulationen und Akzentuierungen.

Der 44-jährige Russe pflegt einen pedalintensiven Klang, der stark an orchestraler Pracht orientiert scheint. Gewöhnungsbedürftig wird dies bei „Asturias“, Albéniz‘ bekanntestem Werk aus der Suite espagñola op. 47, jener musikalischen Hommage an Städte und Regionen Spaniens. Andererseits: Alles, was Kissin an diesem Abend in der Philharmonie macht, scheinen bewusste Entscheidungen zu sein. Wenn er wollte, könnte er auch ganz anders.

Da ist zum Beispiel Mozarts C-Dur-Klaviersonate KV 310 zu Beginn, die souverän zwischen Vorhersehbarkeit und Unvorhersehbarkeit pendelt, zwischen natürlichem Schönklang und artifiziellen Überraschungen. Bei Kissin klingt diese Mozart-Sonate noch nicht nach wirklichem Abenteuer. Denn das soll erst anschließend in Beethovens „Appassionata“ op. 57 kommen: Die ersten Takte gleichen hier einem mysteriösen Vortasten, einem originellen Bekenntnis zum Fantastischen. Kissin scheut weder Stahlgewitter noch knochentrockene Peitschenhiebe, um die Brutalität von Leidenschaft und Schicksal spürbar zu machen. Doch immer wieder sind da auch feinste poetische Zwischentöne, die den Zuhörer in höhere Sphären katapultieren. Was besonders beeindruckt: Trotz des schier grenzenlos virtuosen Vermögens spürt man in Kissins Beethoven-Spiel sehr genau die musikalischen Widerstände, das Ringen des Komponisten mit sich selbst.

Manchmal beschleicht einen gar das Gefühl, dass sich der Russe den Klavierpart noch schwerer setzt als ursprünglich vom Komponisten vorgesehen – nicht zuletzt in Brahms‘ Ungarischem Tanz in g-Moll, der überschäumenden dritten Zugabe des Abends. Doch das täuscht: Anders als sein Landsmann Arcadi Volodos spielt Kissin Originalstücke stets im Original. Darunter auch Joaquín Larreglas hypervirtuoser C-Dur-Streich „Viva Navarra!“, das letzte Werk des offiziellen Programms. Ein Werk, das freilich auch schon die erste Zugabe sein könnte. Unter stürmischer Publikumsbegeisterung steuert Kissin noch zwei weitere spanische Leckerbissen bei: Enrique Granados‘ viertes Stück aus der Goyescas-Suite und sein „Andaluza“ op. 37 Nr. 5.