Kultur

Einst radikal, heute nostalgisch

„In Deutschland: re-­loaded I“. Erinnerung an die Geburtsstunde einer fotografischen Revolution bei Kicken

In schönster Zentralperspektive teilen sich die Straßenzüge in zwei Teile, mit Autos rechts und links auf den Bordsteinen vor schnörkelloser Nachkriegsarchitektur. Alles ist menschenleer und in Schwarzweiß. Schlicht, nüchtern und unprätentiös präsentierte der junge und damals unbekannte Fotograf und Becher-Schüler Thomas Struth Straßenszenen in Düsseldorf.

Zusammen mit den Arbeiten anderer Fotografen aus der Becher-Schule und einer weiteren Gruppe um Michael Schmidt in Berlin, waren seine Arbeiten 1979 im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu sehen, in der von Klaus Honnef kuratierten Ausstellung „In Deutschland“. In ihrer ganzen Schlichtheit markierten sie den Anfang einer fotografischen Revolution. Ein neuer dokumentarischer Stil war geboren, der ganz im Sinne von Walker Evans die Wirklichkeit unsentimental abbilden und zugleich eine Haltung zum Ausdruck bringen wollte. Nicht das wohl komponierte Einzelbild war entscheidend, sondern die aussagekräftige Serie. Und die nahm ein desillusionierendes Nachkriegsdeutschland in den Blick.

Öde Straßenzüge, Betonburgen in den Städten, leere Trinkhallen

Mit der Ausstellung „In Deutschland: reloaded I“ lässt Klaus Honnef die legendäre Schau von damals in der Galerie Kicken in komprimierter Form wieder aufleben. Legendär war sie deshalb, weil sie den Anfang der Becher-Schule markiert und auch Ausgangspunkt für die Karrieren einiger heute weltberühmter Fotografen war: Thomas Struth, Candida Höfer, Axel Hütte und Michael Schmidt. In seiner Eröffnungsrede erinnerte sich Klaus Honnef daran, wie sich die Idee zu dieser Ausstellung schnell herumsprach und natürlich auch Bernd Becher zu Ohren kam, der gleich zum Hörer griff, um Klaus Honnef von ein paar Schülern zu erzählen, deren Arbeiten man nun einem größeren Publikum vorstellen könne. Darauf kamen Candida Höfer, Axel Hütte und Thomas Struth mit ihren Mappen an und zeigten ihm ihre Serien.

Die Bonner Ausstellung verhalf einer dokumentarischen Fotografie mit künstlerischen Anspruch zum Durchbruch, die bis heute nachwirkt und an wichtige Entwicklungen in Amerika anschloss: die Arbeiten von Walker Evans und Stephen Shore. Auch die deutsche Fotografie der neuen Sachlichkeit aus den 20er-Jahren stand hier Pate, Albert Renger-Patzsch und August Sander.

Bei Kicken wirken die Fotografien von damals – alle Serien in Schwarz-Weiß – in ihrer ganzen formalen Radikalität dann doch ein wenig nostalgisch. Trinkhallen in öden Straßenzügen sind die Stars in der Serie von Tata Ronkholz. Wilhelm Schürmann nimmt mit seiner Kamera die Hauptstadt Bonn in den Blick, doch nicht das Pittoreske der Stadt am Rhein ist sein Motiv, sondern triste Alltagsszenen, die Betonburg des Bonner Stadthauses, eine Straßenbahn im Vorbeifahren. Ganz grandios sind die Porträts, die Heinrich Riebesehl 1969 an einem einzigen Tag im Paternoster eines Verlagshauses schoss, ein Panoptikum an Charakteren, das wie gecastet wirkt: Handwerker, ein Archivar, ein junges Mädchen, ein verklemmter Lehrling, Leute aus der Geschäftsetage – alle aus derselben Einstellung aufgenommen. Michael Schmidt nimmt in Berlin Spielplätze auf und unterschiedliche Menschengruppen, einmal in ihrem privaten und einmal in ihrem beruflichen Umfeld, hier einen Jungen in seinem unaufgeräumten Zimmer und in den sterilen Korridoren seiner Schule.

Und wie überraschend menschenvoll ist die wunderbare Serie von Candida Höfer, die türkische Gastarbeiter in ihrer Umgebung zeigt: zu Hause in der Familie, in der Metzgerei, vor dem Gemüseladen oder im Park. Von Axel Hütte sehen wir Treppenhäuser, jene unspektakulären Passagenräume, die hier ganz grafisch wirken mit ihren geraden Linien, die das Bild in strenge Achsen teilen.

In Deutschland: reloaded (I), Kicken Berlin. Linienstr. 161 A., Di–Fr 14–18 Uhr. Bis 11. März.