Kultur

Historiker unter den Dirigenten

Der große MusikerNikolaus Harnoncourt ist tot. Erst vor wenigen Wochen hatte er sich zurückgezogen

„Wie sich der schon hinsetzt, seh ich, dass ich ihn engagier.“ Diese Anekdote hat Nikolaus Harnoncourt oft und mit Genuss erzählt. Da fand sich im Jahr 1952 ein Cellist zu einem Probespiel bei den Wiener Symphonikern ein. Er setzte sich auf den vorbereiteten Stuhl und – stand wieder auf. Der Stuhl war zu niedrig für den hoch aufgeschossenen 22-Jährigen. Er griff seine Aktentasche und nutzte sie als Polster. Herbert von Karajan, zu dieser Zeit Chefdirigent der Symphoniker, war beeindruckt und engagierte den Cellisten Harnoncourt gegen alle Widerstände.

Geboren wurde er 1929 in Berlin, wo sein Vater beruflich tätig war

„Wie sich der schon hinsetzt“: Harnoncourts Erfolg war, schon damals, eine Frage der nach außen vermittelten Zielgerichtetheit, der Entschiedenheit, des unbedingten Etwas-Wollens. Wer den Mittsiebziger einmal als Gastdirigenten der Berliner Philharmoniker im Chorgestühl hinter dem Orchester erlebt hat und Harnoncourt in die Augen schauen durfte, konnte eine Ahnung davon bekommen, was Karajan und später unzählige Mit- und Orchestermusiker bei seinen Auftritten empfunden haben mussten. Harnoncourt, stets ohne Taktstock unterwegs, fuhr, gerade bei leisen, erwartungsvollen Stellen, buchstäblich Stielaugen aus und schien die Luft in einer Mozart-, Beethoven- oder Schubert-Sinfonie allein durch seinen Gesichtsausdruck vor Spannung zum Flirren zu bringen.

Einige werden es wohl bedauern: Berliner, ja Charlottenburger war Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt nur dem Geburtsort im Jahr 1929 nach. Zeit seines restlichen Lebens war er, nachdem die Familie ins Heimatland ihrer Vorfahren übersiedelt war, Wiener. Nach einem drei Monate zuvor verkündeten Bühnenabschied ist er dort am Sonnabend im Alter von 86 Jahren verstorben.

Um die Wirkung der Musik – und nur dieser – ging es ihm. Dabei greift dasjenige Synonym, welches der Musiker Harnoncourt unbestreitbar geworden ist, zu kurz: dass er Begründer und prominentester Repräsentant einer wie auch immer gearteten Originalklang- und Alte-Musik-Bewegung gewesen sei.

Zu jener Zeit bei den Wiener Symphonikern schickte er sich tatsächlich an, diese Leitfigur zu werden. Nur ein Jahr später nämlich gründete Harnoncourt den Concentus Musicus Wien – jenen Kreis von größtenteils Wiener Orchestermusikern, die von der Karajan’schen Praxis die Nase voll hatten: dass selbst für Bachs Matthäus-Passion ein großer Orchesterapparat mit zehn Kontrabässen aufgefahren wurde und Bach dementsprechend wie Beethoven, wenn nicht sogar wie Bruckner klang, Hauptsache romantisch und flauschig. Bei Karajan sollte der Gehalt aus dem Schönklang nachvollziehbar werden, er war die Basis für alles. Bei Harnoncourt sollte sich die Schönheit aus dem Wissen um die ursprüngliche Aussage der Entstehungszeit ergeben – und wenn dafür der landläufige Begriff von musikalischer Schönheit hinterfragt werden musste, um so besser. Harnoncourt wollte die von der Musikindustrie geförderte „Verdrängung der Musik vom Bewegenden zum Hübschen“ nicht mitmachen.

„Ich ging diese Werke“ – gemeint waren in diesem Fall Mozart und Beethoven – „eher von ihrem Hintergrund aus an als im Rückblick von heute“. Aus der Perspektive der Vergangenheit sah Harnoncourt die Werke also und nicht, wie die romantisierende Orchestertradition bis dahin, aus der Perspektive der Gegenwart. Heute ist der authentische Umgang mit Musik aus ihrer Entstehungszeit heraus unter vielen Klassikhörern fast ein Allgemeinplatz, Mitte der Sechzigerjahre war es eine Revolution, vermutlich die prägendste Veränderung des klassischen Musiklebens seit Erfindung der elektrischen Musikaufnahme 80 Jahre zuvor. Seinen ersten halb öffentlichen Auftritt hatte der Concentus mit Monteverdis „Orfeo“. Paul Hindemith stand am Pult, während Harnoncourt selbst erst in den 70er-Jahren überhaupt als Dirigent vor ein Orchester trat. Als Spiritus rector des Concentus indessen machte Harnoncourt zunächst das, was Alte-Musik-Spezialisten nachgesagt wird: Er studierte historische musikalische Quellen, ohne sich auf Aufführungstraditionen der Moderne zu verlassen. Harnoncourt und seinen Kollegen ging es um eine Demokratie unter den musikalischen Epochen.

Keine Erbsenzählerei, sondern langes Quellenstudium

Harnoncourt allerdings gehörte in seiner zweiten Lebenshälfte trotz aller Quellenstudien nicht zu den bedingungslosen Historisierern, sein Weg wurde ein spezieller, wenn er auch nicht ein Quentchen Inkonsequenz aufwies: Weiterhin ging es dem vom Cello ans Dirigentenpult und auch in den Operngraben Gewechselten vor allem um eines – um musikalische Wirkung, auch um drastische. Im Gegensatz zu seinen Kollegen wollte Harnoncourt mit barocker Phrasierung und der sprichwörtlich gewordenen „Klangrede“ keine historischen Momente auferstehen lassen. Er wollte die lange etablierten Werke von Bach über Mozart und Beethoven bis Brahms, Mahler und Schönberg auf moderne Ohren so ähnlich wirken lassen, wie sie auf ihre ersten Hörer gewirkt haben. Wenn Harnoncourt Beethoven’sche Briefe oder Skizzenbücher studierte, dann war das keine philologische Erbsenzählerei, sondern der Versuch herauszufinden, auf welche Art der Mensch und Musiker Beethoven mit seiner damaligen Umwelt kommunizierte.