Kultur

Wenn die Moral von Bord geht

Dem Feuerschiff in den DT-Kammerspielen fehlt der dramaturgische Steuermann

Mächtig wogt der Ozean. Nicht in kleiner Gischt spritzender Wildheit, sondern in großen, dunklen Wellenbergen. Was sich da auf den vier Bildschirmen an der Bühnenrückwand abspielt, sieht schwer nach Untiefen aus. Nach solchen, denen man im Theater gerne zuschaut, die zeigen, wie Menschen trudeln im Strudel des Lebens. Die Voraussetzungen, dass man genau das am Sonnabend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu sehen bekam, waren günstig: Der novellistische Minikrimi „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz stand auf dem Programm, in den Hauptrollen starmäßig besetzt mit Ulrich Matthes und Hans Löw, inszeniert vom Nachwuchsregisseur Josua Rösing, der seit 2013 Regieassistent am DT ist und jetzt mit seiner ersten größeren Inszenierung am Haus punkten möchte. Doch leider entwickelte der Abend nicht den Sog, den das Anfangsbild erhoffen ließ.

Dabei hat die von Siegfried Lenz 1960 veröffentlichte Erzählung tatsächlich großes Kammerspielpotenzial. Kapitän Freytag (Ulrich Matthes) tritt zur letzten Wache auf seinem vor Anker liegenden Feuerboot an. Mit an Bord: sein Sohn Fred (Timo Weisschnur). Sie nehmen drei Schiffbrüchige an Bord, die sich bald als bewaffnete Verbrecher entpuppen und das Schiff kapern. Damit ist Kapitän Freytags geliebte Ordnung an gleich zwei Fronten gefährdet. Dr. Caspary (Hans Löw), der charismatische Anführer der Bande, setzt Freytag unter Druck, ihm und seinen beiden Gefährten (Owen Peter Read in einer Doppelrolle) zur Flucht zu verhelfen, notfalls, indem das Feuerschiff selbst seine Position aufgibt, was für den pflichtbewussten Freytag niemals infrage käme. Sein Sohn dagegen würde die ungebetenen Gäste am liebsten direkt an Bord hinstrecken, was für Freytag selbstredend ebenfalls niemals infrage käme.

Letztlich macht Lenz in seiner Geschichte die Schotten weit auf für Verhandlungen zum Thema Schuld und Verantwortung, Prinzipientreue und Moral, die problemlos bis in die Gegenwart hätten reichen können. Doch bedauerlicherweise bedient sich die Inszenierung dieser Handreichungen kaum, sondern versucht, die Konflikte vorwiegend atmosphärisch abzuhandeln. Mit unheilschwangerer Jetzt-wird’s-gefährlich-Musik auf einer Bühne, die Mira König in kühles Flaschengrün getaucht hat. Vorne stehen ein paar karge Bänke, hinten bilden bezogene Kacheln eine Rückwand, die nach und nach ein Stück höher gezogen wird. Die vier Darsteller spielen auf einem Boden aus erhöht platzierten Eisengittern. Die klappern bei jedem Schritt schön metallisch und lassen dramatische Beleuchtung von unten zu. Auf nur 80 Minuten Spielzeit hat Dramaturg John von Düffel die Vorlage eingekürzt, leider ging dabei manche Feinheit über Bord, vor allem die Entwicklung der Beziehung zwischen Vater und Sohn. Gelungener ist da schon die Gegenüberstellung von Kapitän Freytag und seinem Widersacher Dr. Caspary. Immer noch etwas gedankenschwer und frontal, aber Hans Löw, der gibt seinem Caspary überzeugend Kontur als eloquentem Fiesling mit Manieren und wunderbar subtiler Boshaftigkeit. Doch selbst damit kommt der Abend nicht wirklich auf Kurs, was ihm fehlt, ist ein entschiedener Steuermann.

Deutsches Theater, Kammerspiele, Schumannstr. 13a. Wieder 14. März, 20 Uhr, und am 20. und 30. März, je 19.30 Uhr