Konzert in Berlin

Nathaniel Rateliff bringt die Cowboystiefel zum Stampfen

Der Country-Musiker tritt mit seinen Night Sweats im Heimathafen Neukölln auf - und macht dort ziemlich gute Laune.

Nathaniel Rateliff und seine  Night Sweats mixen Country, Rock, Soul und Blues

Nathaniel Rateliff und seine Night Sweats mixen Country, Rock, Soul und Blues

Foto: pa

Mit Musik, die unter dem Label „Gute-Laune-Musik“ gefeiert wird, sollte man ja immer vorsichtig sein – vor allem, wenn sie aus dem Mittleren Westen der USA zu uns herüber schwappt. Zu oft wirkt der Kolorit Missouris oder Nebraskas hier wie ein zu eng geratener Cowboyschuh: optisch ganz nett, aber es passt nicht so recht. Und nach drei Songs hat man nur Blasen an den Füßen.

Bei Nathaniel Rateliff and the Night Sweats ist das anders. Denn die sieben-köpfige Folkband aus den USA spielt keine typisch US-amerikanische Countrymusik, sondern mixt Rock, Soul und Blues dazu. Das ist dann ein bisschen so, als sängen Van Morrison und Lynyrd Skynyrd in ein gemeinsames Mikro. Damit brachten Nathaniel Rateliff and the Night Sweats bei ihrem ausverkauften Konzert im Heimathafen Neukölln die Stiefel der Zuschauer ganz stilecht zum Stampfen. Ihre Musik hält nämlich genau das, was sie verspricht: sie macht ziemlich gute Laune.

Der gezwirbelte Schnurrbart erzittert

Weil seine Urgroßeltern aus Deutschland kommen, spricht Nathaniel Rateliff, Frontmann und Sänger der Band, ein paar Brocken Deutsch. Immer wieder sagt er an diesem Abend ein paar lose Phrasen ins Mikrofon, wie „Wie geht es euch?“ und „Prost“. Mehr ist dann aber nicht drin, er greift lieber zu Gitarre oder Tamburin, um sich zu begleiten. Kaum singt er dann die ersten Zeilen eines Stücks, - „Spend your years, spend your time, with all these tears, not all were mine“ – erzittert sein gezwirbelter Schnurrbart, während der momentan ja arg im Trend liegende Vollbart unter den lang gezogenen Vokalen leicht bebt. Der Autodidakt brachte in den vergangenen Jahren zwei Solo-Alben als Singer/Songwriter heraus, ehe er sich mit den Night Sweats der Folkmusik zuwendete.

Von seinem Indie-Sound ist jetzt nicht mehr viel zu hören. Nur gelegentlich klingt da etwas von seinem gefeierten Debütalbum „In Memory of Loss“ heraus - wie im ungewohnt sanften Stück „Wasting time“, das so bittersüß ist wie der letzte Tag eines guten Sommers: Wenn die tief stehende Sonne schon eine Gänsehaut auf die Unterarme bringt, man aber noch nicht wahr haben will, dass die warmen Tage gezählt sind. Da stampft ausnahmsweise kein Schuh wild auf dem Boden herum, wenn Rateliff fast melancholisch - „Think of all the time time time“ - über den Schmerz verlorenen Zeiten singt.

Die Cowboyhüte werden gelüftet

Immer wieder geraten die sieben Jungs so ins Schwitzen, dass die Cowboyhüte kurz gelüftet und weiße Frotteehandtücher über die Jeanshemdkragen drapiert werden. Sobald Wesley Watkins und Andy Wild mit Trompete und Saxophon die nächste Hymne anblasen, fliegen die Handtücher von den Schultern – so wie bei „I need never get old“, das sich nach nostalgischem Rock’n’Roll anhört. Wenn Rateliff da ins Mikrofon schreit, laufen Watkins und Wild mit den Blasinstrumenten im Bühnenhintergrund zu Hochform auf: In bekannter Blues-Manier wird da mit solcher Inbrunst getanzt, dass fast die Sonnenbrillen von den Nasen und die Instrumente aus den Händen rutschen. Die Blues Brothers sind da nichts dagegen. Die übrigen Fünf schütteln derweil ihre cowboybehüteten Köpfe, Gitarren und Bässe im Takt. Es sieht ganz so aus, als dächten sie dabei sehnsüchtig an ihren bisher größten Hit: „Son of a bitch, give me drink“, bitte.

Oft fühlt man sich bei Stücken wie „Howling at nothing“ oder „I´ve ben falling you“ direkt an den Sound der späten 60er und frühen 70er Jahre erinnert: Wenn sich Paare in alten Hollywoodfilmen zu träumerischem Blasmusikrock verliebt hin und her wiegen. Vielleicht liegt das daran, dass Nathaniel Rateliff and the Night Sweats ihr gleichnamiges Debütalbum extra in Memphis aufnahmen. Dort, wo bekanntlich die amerikanische Soul- und Bluesmusik ihr Zuhause hat.