Kultur

Sein Name war Fritz Honka

Heinz Strunk erzählt in seinem Säufer-Roman „Der goldene Handschuh“ von einem Serienmörder

Heinz Strunk, geboren 1962 in Hamburg-Harburg, wird ja nun schon seit vielen Jahren als Beispiel dafür gehandelt, wie deutscher Humor auch jenseits der Zumutungen aus dem Comedy-Bereich funktionieren kann. Und das ist auch richtig, denn er beherrscht, auf der Bühne wie in seinen Büchern, ein fast unüberschaubares komisches Repertoire: Er ist ein Sprechkünstler, der die Tonlagen aller hanseatischen Milieus vom Kiez bis Blankenese parodieren kann. Er ist ein Kommunikationsforscher, der die Widersprüche und das Scheitern menschlicher Beziehungen in allen Facetten ausstellen kann. Und er ist, nicht zuletzt, ein großer Kenner der männlichen Seele – dieses eigentümlichen Apparats mit seinen oft kaputten Bauteilen Angst, Trieb, Liebe, Sehnsucht und Verzweiflung.

Der Müll, der auf dem Meer der Sprache schwappt

Das hat ihm in Hamburg liebevolle Verehrung, in Berlin und anderswo großen Respekt seines Publikums eingetragen. Wer genau hinsah und -hörte, erkannte hinter der Pointensicherheit des Entertainers schon früh eine rhetorische Brillanz, wie sie in der deutschen Gegenwartsliteratur selten vorkommt. Alle seine Bücher – vom autobiografisch gefärbten Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004) über „Heinz Strunk in Afrika“ (2011) bis hin zum jetzt vorliegenden „Goldenen Handschuh“ – handelten auch immer von der sprachlichen Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, von den Phrasen unseres Denkens und davon, wie sie zustande kommen. Man kann diese Romane gut als Archive all der Versatzstücke nutzen, die so ungeordnet durch unsere Sprechakte treiben, all der Songtexte, Kalauer, Zoten, Werbejingles und Kalenderweisheiten, die sich, einmal zusammengekehrt, vor uns auftürmen wie ein riesiger Haufen Abfall. Strunk sammelte sie manisch, machte sich über sie lustig, brachte zwischen ihnen seine eigenen Sätze zum Funkeln, rekombinierte sie aber auch in erstaunlichen Geschichten, die auf diese Weise erst im eigentlichen Sinne literarisch wurden: Denn gute Literatur handelt immer auch von sich selbst und von dem Material, aus dem Sprache besteht.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass ihm dies in keinem seiner bisherigen Bücher so gut gelungen ist wie im „Goldenen Handschuh“, der deshalb auch völlig zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist und dort sogar als Geheimfavorit gehandelt wird. Den Titel gab dem Buch eine Absturzkneipe gleichen Namens auf St. Pauli, die vor mehr als 50 Jahren vom Berufsboxer Herbert Nürnberg gegründet wurde. Sie ist, heute wie gestern, ein Sammelpunkt für Schattenexistenzen, für schwere Alkoholiker, Obdachlose, Gelegenheitsprostituierte, Verirrte und Elendstouristen, die sich hier ungepflegt ins Koma saufen können, 24 Stunden am Tag, irgendwer ist immer da. Als Strunk vergangene Woche sein Buch im „Goldenen Handschuh“ vorstellte, beließ man es lieber bei einer geschlossenen Gesellschaft.

Es ist die nach Urin, Schweiß und Erbrochenem stinkende Unterkante der Gesellschaft, für die sich Strunk interessiert, die Welt der lebenden Toten: „Die Stunden sinken zu Boden“, schreibt er, „die Tage werden fortgespült ins Nichts, verkleben im Schmiersuff.“ Er erzählt die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, auf dem Kiez fast eine mythische Gestalt, aufzufinden in zahllosen Schauermärchen, eine Art Keyser Söze von St. Pauli. Honka ermordete und zerstückelte in den 70er-Jahren in seiner Wohnung vier Frauen. Die Leichenteile versteckte er zum Teil in seiner Wohnung und bedeckte sie mit Fichtennadel-Duftsteinen, um den Gestank zu vernebeln. Honka war eine zutiefst gestörte, psychopathische Persönlichkeit. Strunk hat systematisch zeitgenössische Presseberichte, Polizei- und Gerichtsakten ausgewertet, um ihn historisch akkurat zu porträtieren. Aber ist das überhaupt möglich.

Ein Absturz, der nicht enden will

Wir wissen es nicht, auch weil Honka 1998 verstorben ist. Aber man könnte ihn als literarische Figur nicht plausibler zum Leben erwecken, als Strunk dies tut. Der Alkohol ist ein Leitmotiv in seinen bisherigen Romanen, aber in keinem wurde er so exzessiv heruntergeschüttet wie in diesem – vorzugsweise als „Fako“, als Fanta mit Korn, meist halb und halb, gern auch mal mit homöopathisch dosierter Fanta. Strunk weiß genau, was jahrelanger Alkoholmissbrauch mit einem Menschen anstellt, und er verlängert dieses Wissen in die Katastrophe, die das Leben von Fritz Honka war. Seine nicht minder katastrophale Kindheit, die Rolle der Gesellschaft – all dies kommt vor, aber es steht nicht im Fokus. „Der Goldene Handschuh“ erzählt vom Leben im dauerhaften Absturz, von den jähen Gefühlszuckungen des Dauerrausches, den traurigen Saufkumpaneien von Verlorenen, die irgendwann in derselben verfallenen, stinkenden Bruchbude landen, dort irgendetwas Sexuelles miteinander anstellen, aufeinander einprügeln, sich anschreien und weitersaufen, Fako literweise, bis ins Grab.

Nun wäre dies für sich allein genommen schon ein brutal präzises Porträt eines Milieus, von dem sich der bürgerliche Durchschnittstrinker mit viel Angstlust erzählen lässt – fragt er sich doch insgeheim, wie weit es für ihn bis dahin ist. Aber weil sich Strunk ganz allgemein für verwüstete Seelen interessiert, berichtet „Der goldene Handschuh“ auch von drei Generationen einer fiktiven Hamburger Reeder-Dynastie – dem randvoll mit Hass gefüllten Patriarchen, dem insolvenzbesorgten Sohn und dem akneversehrten Enkel. Sie alle treiben auch durch die Nacht dieses Romans, sie alle kämpfen permanent gegen sich selbst, und auch sie saufen, weil sie das Leben nicht aushalten. Sie alle begehen Selbstmord in Zeitlupe. „Nichts bleibt, alles geht dahin“, heißt es, „unwiderruflich, es schmilzt in der Sonne und verglüht im hellen, heißen Licht. Nur funkelnde Angst bleibt in der Luft.“

Dieser Roman wird, anders als die bisherigen, nicht wegen seiner Komik in Erinnerung bleiben – obwohl sie immer wieder aufblitzt. Es ist eine furiose Geschichte über das Scheitern und das Untensein und die Angst, die uns allen davor in den Knochen sitzt. „Der goldene Handschuh“ ist Heinz Strunks schwärzestes, bislang bestes Buch.