Opern-Kritik

Joyce DiDonato triumphiert in der Deutschen Oper

Belcanto-Opern gelten als Stiefkinder der Musikgeschichte, und doch ziehen sie erstaunlich viele Fans an. Nehmen wir zum Beispiel Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“. Man kann überall lesen, dass es sich um ein wenig bekanntes Werk handelt. In Wirklichkeit sind allein in den kommenden Monaten Premieren in Moskau, Lübeck, Klagenfurt, Karlsruhe und Bergen geplant. Die konzertante Premiere an der Deutschen Oper war bis unters Dach besetzt. Man setzt diese Oper nur auf den Spielplan, wenn man als Romeo eine Mezzosopranistin von Format vorweisen kann. Eine Gesangskünstlerin wie Joyce DiDonato, die Bellinis endlose, mit dem Silberpinsel hingetupfte Melodiebögen zu Ereignissen macht. Die Amerikanerin hat mehrfach im Sopranfach gewildert, hier ist sie ganz Mezzo in einer fulminanten Hosenrolle, die sie seit acht Jahren immer wieder gern übernimmt.

Im Kampf gegen die Feindesfamilie ist sie eine herrliche Giftschleuder, die wild knurren und das „R“ gefährlich rollen kann. Das Liebesleid besingt sie mit flatternder Hingabe. Bei jeder musikalischen Wiederholung verändert sie den Ausdruck ihrer Stimme. Sie beweist Mut zur Hässlichkeit, aber nie zur Ungenauigkeit. Joyce DiDonato ist ganz klar das Kraftzentrum der Aufführung. Den Romeo sieht sie als Rebellen und Außenseiter, der sich gegen gesellschaftliche Strukturen auflehnt. Ihr Spieltrieb sprengt manchmal fast den Rahmen der konzertanten Aufführung. Angriffslustig stürmt sie gegen ihre Feinde los, vor Gram stützt sie sich schwer auf den Notenständer.

Bellini hat mit dieser Oper seinen internationalen Durchbruch gefeiert. Den umständlichen Titel musste er wählen, weil es damals schon eine erfolgreiche „Giuletta e Romeo“ von Nicola Vaccai gab. Maria Malibran führte eine Mischform ein: Bellinis Oper mit dem effektvollen Finale von Vaccai. Noch Marilyn Horne bestand 1978 in Dallas auf dem Vaccai-Finale. Dabei wirkt Bellinis introvertiertes Ende, in dem nicht wie bei Shakespeare eine Versöhnung stattfindet, sondern der anklagende Zeigefinger erhoben wird, besonders beklemmend.

An der Deutschen Oper arbeiten Chor und Orchester eindrucksvoll auf das durch und durch tragische Finale hin. Paolo Arrivabeni, Musikchef in Liège, wird immer gern für das italienische Repertoire eingesetzt. Er weiß, dass Bellinis Musik den Zuhörer „weinen, schaudern und sterben“ lassen sollte. Er lässt den Musikern viel Zeit, die Emotionen auszuleben. An der geschmeidigen Tenorstimme von Celso Albelo kann es nicht liegen, dass Giulietta Romeos Rivalen Tebaldo nicht erhören will. Alexei Botnarciuc hat noch nicht ganz die Durchschlagskraft, die das Familienoberhaupt braucht. Dagegen ist Marko Mimica ein überzeugender ehrlicher Makler zwischen den beiden Liebenden.

Die Überraschung des Abends heißt Venera Grimadieva. Die junge Russin singt mit anrührender Engelsstimme. Ihre Giulietta ist so vollkommen anders als DiDonatos Romeo, dass man sich fragen muss, ob die Beziehung wirklich gut gegangen wäre. Diese Giulietta ist von vornherein vom Tod gezeichnet. Grimadieva legt ihre Rolle als ein langsames Sterben an. Während DiDonato forsch und selbstbewusst auftritt, haucht Grimadieva immer introvertiertere Legatobögen ins Publikum. Romeo schreit sein Leid hinaus, Giulietta frisst es in sich hinein.