Kultur

Get Well Soon: Abgeklärte Melancholie eines Frühgereiften

Jeder Song ein Kunstwerk: Get Well Soon spielen im Berliner Huxleys. Ein Zwang zum Anspruch, hängt die ganze Zeit im Saal.

„Ihr sehr gut aus“, sagt Konstantin Gropper zum Publikum im Huxleys. „Das macht mich ein bisschen nervös“. Aber er sieht selbst ziemlich gut aus, im engen weißen Hemd, Anzughose und seiner Der-junge-Morrissey-Frisur.

Gropper ist wohl der einzige Absolvent der staatlichen Popakademie Baden-Württemberg, der etwas hervorgebracht hat, was auch nur entfernt wie Coolness rüberkommt. Und dieses Etwas ist die Band Get Well Soon. Gropper schreibt und singt auf Englisch, was früher mal Standard war, dann mit Aufkommen des deutschen Hip-Hop in den 90er-Jahren verpönt, mittlerweile aber wieder geht. Alles was Get Well Soon an diesem Abend spielen, wirkt hoch konstruiert. Kein Wunder – der Großteil des Programms speist sich aus der neuen Platte „Love“: nichts weniger als einem Konzeptalbum zu den dunklen Seiten des nicht auszurottenden Phänomens. Darunter macht es Gropper nicht. Eine gewisse Schwere, ein Zwang zum Anspruch, hängt spürbar im Saal.

Die sechsköpfige Band rückt mit doppeltem Schlagwerk, mit Gitarren, mit Geige und Trompete an. Den melodiösen Cinemascope-Sound ihrer Platten bringen sie damit locker auf die Bühne. Nur Groppers Stimme geht hin und wieder unter in dieser Fülle. Sie wirkt manchmal einen Tick zu crooner-tief für sein Alter. Mittlerweile ist er Mitte 30, gut. Mit Mitte 20 war das aber auch schon so. Wo andere noch in der Rente Jugendkult betreiben, hat Konstantin Gropper, schon immer die abgeklärte Melancholie des 80-Jährigen gesucht.

Alles passt. Vielleicht ist es am Ende aber ein wenig zu bequem

Das ist ein Kunstgriff. So wie das Wort „Love“ in roten Lettern auf die Bühne zu hängen. Der gepflegte Verdruss, den alle Get Well Soon-Stücke, auch die lauteren, ausstrahlen, klingt hin und wieder fast dekorativ. In der Formvollendung seines Songwriting, im Ausgeklügelten der Arrangements scheint weniger Schmerz auf als das Design von Schmerz. Jeder Song ein kleines Kunstwerk, ein sorgfältig gedrechseltes Sitzmöbel. Alles passt. Vielleicht ist es am Ende aber doch ein wenig zu bequem.

„It’s an Airlift“ spielen Get Well Soon als einen Song kurz vor dem Stillstand, etwas sehr statisch, sehr unterkühlt. „Marienbad“, das sich Alain Resnais‘ Filmklassiker von 1961 nähert, flankiert seinen hymnischen Refrain mit einem krachigen Zwischenteil. Aber nur für wenige Takte, dann kommt ein schneller Break und es geht weiter im ebenfalls komplizierten Plan. Auch „Mail from Heidegger“ merkt man die Angst vor der supermarkttauglichen Piano-Ballade an. Etwas weniger schöne Verbissenheit täte der Musik von Get Well Soon ganz gut.