Kultur

Der Mann für die mitreißenden Popsongs

Fast ein Neuanfang: Mit seinem sechsten Album macht sich Bosse auf den Weg der Selbsterforschung

Bei einem Wort wie Engtanz denkt man gemeinhin an Blues im Partykeller. An langsame Schiebenummern, die das Herz schneller schlagen lassen. Die Nähe versprechen. Auch der Hamburger Musiker Axel Bosse, der sich kurz Bosse nennt, geht bei seinem neuen Werk auf Tuchfühlung. Allerdings anders als erwartet.

„Engtanz“ heißt sein sechstes Album, das in diesen Tagen erschienen ist. Und dieser Bosse, er tanzt tatsächlich eng. Mit sich selbst. Er umarmt seine Ängste ganz fest, flirtet mit der Vergangenheit und verknallt sich heftig ins Erwachsensein. Diese persönlichen Annäherungsversuche klingen jedoch überhaupt nicht nach entschleunigten Schmuseliedern. Und auch nicht nach grüblerischen Folksongs. Mit unglaublich mitreißenden Popsongs feiert Bosse das Monströse, Merkwürdige, zutiefst Menschliche des Lebens.

Nach 15 Jahren als Popkünstler, nach dem ersten Platz beim Bundes­vision Song Contest, nach dem Deutschen Musikautorenpreis und dem Hamburger Musikpreis Hans, nach Gold-Status für seine fünfte Platte „Kraniche“ und vor allem nach Hunderten von Konzerten hat der 35-Jährige textlich und musikalisch noch einmal ganz weit aufgemacht. Und diese elektrisierende Nachdenklichkeit, die seine Songs ausmachen, bringt Bosse auch mit ins Gespräch. Im Vinylroom des 25hours-Hotels in der Hafencity in Hamburg erzählt er – umgeben von Schallplatten – von seiner Musik. Scheinbar sehr entspannt, halb im Schneidersitz. Doch die Augen sind hellwach, voll da.

„Ich habe versucht, Momente zusammenzuschreiben, in denen ich wirklich bei mir war. Über die ich mich wie ein Kind gefreut habe. In denen ich alles, was sonst so wichtig scheint, vergesse“, sagt Bosse über den Eröffnungssong „Außerhalb der Zeit“. Zu Pianoklängen und Beats lässt Bosse da Derwische tanzen und Walfontänen fliegen. Der Hörer reist vom All nach Amrum und vom Fuji ins Niemandsland. Und dann ist da natürlich das ultimative Katapult, um sich ins schönste Off zu schießen. Die Liebe.

Er schreibt auch Lieder, um Freunden Lebewohl zu sagen

Mit sehr starkem Augenzwinkern betrachtet er wiederum den Kult, den die Gesellschaft betreibt, um dem Hier und Jetzt zu huldigen. In dem Song „Wir nehmen uns mit“ beschreibt Bosse die Ablenkungsmanöver vom eigenen Ich – ob beim harten Feiern, beim Hipster-Segeltörn oder beim Qigongkurs. All die Angebote der Party-, Wellness- und Esoterikindustrie nutzen nichts, wenn der Mensch nicht doch mal hinabsteigt in das eigene Bergwerk. Wenn er nicht auch mal die großen Brocken zutage fördert, um sie dann nach und nach zu bearbeiten.

Diese Selbsterforschung schildert Bosse in dem Schlüsselsong „Steine“. „Ich bin immer sehr unglücklich, wenn etwas unausgesprochen ist. Wenn ich mit irgendwem noch etwas offen habe. Wenn ich das Gefühl habe, es hapert an Kommunikation oder ich habe etwas weggeschoben“, sagt er. „Steine“ handele letztlich von der Chance, dass etwas gut wird, wenn man sich mit dem Verborgenen, dem Verdrängten beschäftigt. „Egal ob es aus der Kindheit kommt oder von vorgestern“, erklärt er überzeugt und rutscht auf seinem Sessel umher, als wolle er sich in dieser These noch einmal so richtig einnisten.

Das solch ein Lied – mit nicht gerade pop-federleichter Thematik – dennoch Hitpotenzial besitzt, liegt an den euphorisierenden Arrangements, die Bosse gemeinsam mit Produzent Philipp Steinke an so unterschiedlichen Orten wie Umbrien und Berlin geschaffen hat. Streicher, Keyboards, Gitarre und ein impulsives Schlagzeug treiben das Innerste nach Außen. Tanz die Therapie, auch den Tod, die Trauer.

„Es schließt sich nicht aus, etwas sehr Negatives zu sagen und darauf zu tanzen – gerade dann“, sagt Bosse, der eben nicht nur Musiker, sondern auch Ehemann, Vater und schlichtweg Mensch ist. Der Lieder schreibt, um Freunden Lebewohl zu sagen. Und um sich von der Jugend zu verabschieden, wie in „Ahoi ade“. „Punk ist tot und du jetzt auch“, singt er da lakonisch.

Songs zu schreiben sei für ihn ein nahezu schmerzhafter Prozess, so sagt er es zumindest. Es tue ihm weh, ein Album zu machen, sagt er. „Manchmal wäre ich gerne Poetry-Slammer oder Hip-Hopper, denn die haben mehr Platz für den Text.“

Axel Bosse ist auch textlichgerne am Puls der Zeit

Einem emotionalen und künstlerischen Bergwerker wie Bosse hilft es, dass er einen kleinen feinen Kreis an Musikmalochern um sich geschart hat, die ebenso beherzt und tief buddeln wie er. Neben Judith Holofernes von Wir sind Helden und Marcus Wiebusch von Kettcar zählt Rapper Casper zu jenen Komplizen, die erste Entwürfe anhören und mitten im Songwriting Manöverkritik üben dürfen. Casper ist dann auch als Gast in dem fiebrigen Song „Krumme Symphonie“ zu hören, einer Ode an das Unperfekte.

Bosse hat mit Casper nicht nur den aktuellen Lieblings-Hip-Hopper des Landes auf seinem Album. Er ist auch textlich gerne am Puls der Zeit. Wie bereits auf „Kraniche“ liebt er die popkulturelle Anspielung. Seine Songs sind bevölkert von Urban-Art-Ikone Banksy und den Rockern Faith No More. Die Lieder spielen im „Herr der Ringe“-Moloch Mordor und verweisen auf Serien wie „Lost“ oder „Breaking Bad“. Angst, damit Hörer auszuschließen, die im Popkultur-Kanon weniger zu Hause sind, hat Bosse nicht. „Wenn ich etwas schreibe, versuche ich, da mit einem weißen Blatt Papier, meiner Akustikgitarre und meinem kleinen Piano zu sitzen und nichts zu haben.“ Sprich: keine inhaltlichen Grenzen, keine Zielgruppen-Schere im Kopf. Das Nichts als vollkommene künstlerische Freiheit.

So entsteht eine höchst gegenwärtige und sich nie anbiedernde Sprache, die Bosses Lieder vom biedermeierlichen Pathos-Pop dieser Tage abhebt. Hinzu kommen zahlreiche musikalische Momente, die bereits das große Liveglück erahnen lassen. Die Gänsehaut, das Mitsingen-Wollen. Etwa wenn in dem Song „Dein Hurra“ der Berliner Kneipenchor sein „Hey Hey Hey“ ruft.

Sein Konzert am 13. März im Astra in Friedrichshain ist bereits ausverkauft, ohnehin kann sich Bosse über mangelnden Zuschauerzuspruch nicht beklagen. Er ist einer, der die Bühne liebt. Der sie verinnerlicht hat. „Ich merke mir jeden Abend. Zum Beispiel: Mannheim vor drei Jahren – ich weiß alles, was da passiert ist.“ Euphorie, Schweiß, Gesang – sehr vieles geschieht bei Auftritten von Bosse. Sehr gut möglich, dass auch eng getanzt wird.