Kultur

Stasiknast, Achterbahnfahrten und „Sex-Machine“

City-Sänger Toni Krahl hat seine Biografie geschrieben

„Ich habe Hunderte Gitarrensaiten zerfetzt, eine halbe Million Zigaretten verbrannt und ungefähr einen Hektoliter Feuerwasser vernichtet. Ich habe einige Achterbahnfahrten hinter mir.“ Toni Krahl, Sänger der Band City, steht seit Jahrzehnten auf der Bühne – und zählt zu den bekanntesten Musikern aus der ehemaligen DDR. Nun hat der 66-Jährige ein paar Monate lang das Metier gewechselt: Auf Wunsch des Eulenspiegel-Verlags ist der Sänger zum Schriftsteller geworden.

„Toni Krahls Rocklegenden“ (19,99 Euro) heißt seine Autobiografie. Sie liest sich sehr kurzweilig – und bietet ein spannendes Stück DDR-Rockhistorie. Wer „Frauen-Geschichten“ erwartet, wird kaum fündig – abgesehen von ein paar Anekdoten mit weiblichen Fans. Sein Privatleben abseits der Musik hat Krahl bewusst ausgelassen. Viel Platz bekommen aber Freundschaften – unter Musikern und mit Künstlern, etwa dem Schauspieler Henry Hübchen. Krahls Faible für Musik beginnt mit den Beatles. 1963 lebt er mit seinen Eltern in Moskau. Sein Vater arbeitet dort als Auslandskorrespondent für das SED-Blatt „Neues Deutschland“, Toni bekommt von Freunden eine kleine, schwarze Scheibe aus dem kapitalistischen Ausland. Es ist die erste Beatles-Single „Please Please Me“. „Der Beat war eine Steilvorlage für mich.“ Seine ersten Versuche, ein „Beatnik“ zu werden, absolviert der Schüler mit dem Federballschläger vor dem Spiegel: „Posen, Blicke, die wild und provokant sein sollten.“ Seine erste Band heißt Wurzel minus 4. Es ist eine Schülerband.

Dann protestiert der Abiturient gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings – und kommt in Stasieinzelhaft. Wochenlang wird er verhört. Die Stasi glaubt ihm nicht, dass der Protest ganz allein seine Idee war: „Was mich übrigens ganz besonders genervt hat: Dass die mir nicht zutrauten, dass die ganze Aktion auf meinem Mist gewachsen war!“ Und weiter: „Die wollten meinen Führungsoffizier wissen. Im Westen.“ Er wird verurteilt, plötzlich entlassen, bekommt einen Arbeitsplatz zugewiesen und macht einen Facharbeiterabschluss als Blechschlosser. Nebenher gründet er die Band: die Kleinen. „Als Bühnengarderobe zog ich vorzugsweise die Schlafanzugoberteile meiner Mutter an, samtig-seidenes Zeug ... dazu Schlaghosen.“

1975 dann die Chance seines Lebens: Bei der Band City soll der Sänger zum Wehrdienst eingezogen werden. Krahl übernimmt. Der große City-Coup wird das Lied „Am Fenster“. Die Single wird so rasant verkauft, dass der VEB Deutsche Schallplatten nicht mehr mit der Produktion hinterherkommt. Der Song wird das Sprungbrett in den Westen. Mit dem DDR-Hit „Am Fenster“ gelingt City der Karrieresprung nach ganz oben. Der Mauerfall lässt City auseinanderbrechen. Der Sänger gründet mit dem Gitarristen Fritz Puppel ein eigenes Label. Dort entsteht etwa der Keimzeit-Hit „Kling Klang“. Schon 1992 ist City wieder komplett. Nächstes Jahr feiert die Band ihren 45. Geburtstag.