Klassik-Kritik

Vilde Frang behauptet sich mit hauchzarten Tönen

Die norwegische Geigerin debütiert beim Berliner DSO

Es war die Überraschungsnachricht des vergangenen Herbstes: Der 32-jährige Engländer Robin Ticciati wird neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters – und das, obwohl er sich den Berliner Musikern zuvor erst in einem einzigen Konzert vorgestellt hatte. Kein Wunder also, dass nun im Vorfeld seines geplanten zweiten Auftritts die Aufmerksamkeit besonders hoch war. Doch dazu sollte es bedauerlicherweise nicht kommen: Ein Bandscheibenvorfall zwang Ticciati bereits vor einigen Tagen zur Absage des Abends.

Zum Glück noch früh genug, um den zehn Jahre älteren Franzosen Ludovic Morlot zum Einspringen zu bewegen. Morlot, zurzeit Chefdirigent in Seattle, wagt viel an diesem Abend: Er übernimmt das ebenso anspruchsvolle wie attraktive Ticciati-Programm ohne Änderung. Noch vor vierzehn Tagen war ihm die Partitur von Jörg Widmanns „Armonica“ vollkommen unbekannt. Umso erstaunlicher, wie ausgefeilt dieses Werk von 2006 unter Morlot nun klingt. Es ist eine Komposition für Glasharmonika, Akkordeon und spätromantisch besetztes Orchester. Das Problem an Widmanns „Armonica“: Ehemals avancierte Techniken der Geräusch- und Klangerzeugung, mit denen ein Komponist wie Lachenmann einst existenzielle, provozierende Aussagen formulierte, werden hier genießerisch ausgebreitet und zur allgemeinen Unterhaltung freigegeben. Der dramaturgische Witz und die ironischen Brechungen, die so manch anderes Werk Widmanns sympathisch aufwerten, fehlen hier leider vollkommen.

Auch das folgende Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold nimmt sich ziemlich ernst und greift auf längst verbrauchtes Material einer vergangenen Epoche zurück. Das einstige Wiener Wunderkind, das in den 1930er-Jahren als Filmmusikkomponist in Hollywood Karriere machte, verarbeitete in dieser Komposition von 1945 eigene Themen aus Filmen wie „Another Dawn“, „Juarez“ und „Anthony Adverse“. Die Norwegerin Vilde Frang, an diesem Abend erstmals zu Gast beim DSO, begegnet dieser hollywoodschwangeren Partitur mit sehr schlankem, sehr hellem Tonfall.

Vilde Frang erstaunt mit einer Mischung aus abenteuerlich gezackter Artikulation und hauchzarter Intimität, die normalerweise im Orchestermeer untergehen müsste. Doch wie durch ein akustisches Wunder ist Vilde Frang auch in den heftigsten Tutti-Wogen vernehmbar. Morlot und das DSO reagieren sensibel auf die 29-jährige Norwegerin, verzichten auf üppige Farben und drückendes Blech. Im Finale einigen sich alle Beteiligten auf eine geräuschhaft modernisierte Version, die mehr an den expressiven Strawinsky als an den Hollywoodkomponisten Korngold erinnert. Vermutlich brauchten Morlot und das DSO für diesen minutiös erarbeiteten Balanceakt die meiste Probenzeit. Ravels „Valses nobles et sentimentales“ und auch Debussys „La Mer“ klingen deutlich routinierter.