Kultur

Politik gehört jetzt zur großen Show

„Spotlight“ ist der beste Film des Jahres. Und Leo hat den Oscar bekommen. Auch sonst war es ein unterhaltsamer Abend

Eigentlich geht es ja nur immer um die Öffnung der magischen Kuverts. Und die Frage, an wen der Goldbube geht. Nicht so bei der 88. Oscar-Verleihung, die in der Nacht zu Montag im Dolby Theatre in Los Angeles zelebriert wurde. Denn nachdem einmal mehr keine schwarzen Schauspieler nominiert waren, Jada Pinkett Smith daraufhin zu einem Boykott aufrief und auch Spike Lee, Ehrenoscar-Träger des Jahres, demonstrativ fernblieb, war die Oscar-Academy in eine mittelschwere Sinnkrise gerutscht. Aber die Academy hatte auch eine Lösung gefunden, indem sie Chris Rock als Moderator verpflichtete. Der afroamerikanische Comedian hatte seine große Stunde.

Für einen Moment war „Mad Max“ bester Dokumentarkurzfilm

Keine Höflichkeitsfloskeln. Kein langsames Drauf-Hinarbeiten. Chris Rock kam gleich zur Sache. Er hieß die Gäste erst mal zu den „White People’s Choice Awards“ willkommen. „Ist Hollywood rassistisch?“, fragte er, „ja, verdammt, Hollywood ist rassistisch. Aber es ist nicht die Art von Rassismus, an die wir uns gewöhnt haben. Hollywood ist so rassistisch wie eine studentische Schwesternschaft.“

Bei den Preisen schien der Abend zunächst ausgerechnet „Mad Max: Fury Road“ zu gehören, der nicht nur den großen Favoriten „The Revenant“, sondern auch den anderen Special-Effects-Film, „Star Wars“, alt aussehen ließ. In so ziemlich jeder Nebensparte gewann das Actionspektakel, sodass sogar beim besten Dokumentarkurzfilm zunächst ironisch „Mad Max“ als Sieger genannt wurde. Mit sechs Preisen ist George Millers Alterswerk ganz klar der Sieger nach Punkten.

„The Revenant“, der mit zwölf Nominierungen als Favorit ins Rennen ging, kam dagegen nur auf drei Auszeichnungen. Aber in den wichtigeren Sektionen Kamera, Regie und Hauptdarsteller. Als bester Film indes wurde „Spotlight“ ausgezeichnet. Der Film erzählt, basierend auf einer wahren Geschichte, von Journalisten, die einen Missbrauchsskandal durch Mitglieder der katholischen Kirche aufdecken. Nach der Auszeichnung für den besten Film äußerten die Macher die Hoffnung, dass ihre Botschaft „Schützt unsere Kinder“ auch im Vatikan gehört werde.

Schon merkwürdig: Den Hauptpreis bekam ein Film, der sonst nur noch in der Kategorie Drehbuch siegte, nicht aber bei den Schauspielern, nicht bei der Kamera, nicht beim Schnitt. Aber damit siegte am Ende weder das pure Spektakel noch ein reiner Überlebenskampf, sondern ein politisches Thema.

Überraschungen gab es an diesem Abend. Dass Mark Rylance, der einen russischen Spion in den USA spielte, Sylvester Stallone als Alt-Rocky als besten Nebendarsteller schlug. Es war der einzige Oscar, der an Spielbergs Berlin-Thriller „Bridge of Spies“ ging. Und damit an einen von Babelsberg koproduzierten Film. Am Montag gratulierte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD): „Ich freue mich, dass Berlin Oscar-reif ist. Der Gewinn des Oscars ist auch eine Auszeichnung für die Filmstadt Berlin, das Medienboard und Studio Babelsberg.“

Zu den Oscar-Siegern gehört auch der Berliner Schauspieler Urs Rechn. Er spielt eine Nebenrolle in dem ungarischen Drama „Son of Saul“, das als bester fremdsprachiger Film mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Rechn sagte über die Oscar-Trophäe, die er nach der Verleihung auch mal in die Hände bekam: „Ganz schön schwer das Ding.“ „Son of Saul“ soll am 10. März in die deutschen Kinos kommen. Production Designer Bernhard Henrich ging dagegen ebenso leer aus wie der deutsche Kurzfilmregisseur Patrick Vollrath. Sam Smith siegte tatsächlich beim besten Filmsong über Lady Gaga, obwohl sein Bond-Song „Writing’s on the Wall“ der schlechteste der Annalen ist. Der 87-jährige Ennio Morricone erhielt für seine Kompositionen zum Quentin-Tarantino-Western „The Hateful 8“ seinen ersten Musik-Oscar.

Alle im Sall standen auf, als Leonardo DiCaprio geehrt wurde

Die meisten Preise aber waren genauso erwartet und prophezeit worden. Die noch weithin unbekannte Brie Larson stach mit dem Thriller „Raum“, der in Deutschland erst am 17. März startet, die großen Stars als beste Schauspielerin aus, worauf alle Wettbüros vorab getippt hatten. Und ja, auch Leonardo DiCaprio bekam schließlich seinen Oscar, im fünften Anlauf, und der ganze Saal stand auf, um zu applaudieren, wie um wiedergutzumachen, dass er so oft leer ausgegangen war.

Der Schauspieler dankte seinen Eltern. Sie haben ihn früher nach der Schule zum Vorsprechen für Schauspielrollen gefahren. Und er hielt eine engagierte Rede, quasi als würde er ein Programm zur Rettung der Welt vorlegen. Die Gefahren des Klimawandels ist ihm schon seit Langem ein großes Anliegen. „Er ist unsere größte Bedrohung. Lasst uns diesen Planeten nicht als selbstverständlich ansehen.“

Auch sein Regisseur Alejandro González Iñárritu nutzte die Bühne für ein politisches Statement. „Lasst uns dafür sorgen, dass die Hautfarbe genauso unwichtig wird wie die Länge der Haare“, sagte er zu der Debatte, dass bei den Oscars kaum Vertreter von Minderheiten nominiert worden waren. Im vergangenen Jahr hatte der Regisseur bereits mit der Satire „Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ gewonnen. Für seinen mexikanischen Kameramann Emmanuel Lubezki war es der dritte Oscar in Folge.

Als beste Hauptdarstellerin setzte sich die 26-jährige Brie Larson als Favoritin durch. Sie wurde für ihre Darstellung einer aufopferungsvoll kämpfenden Mutter in dem Entführungsdrama „Room“ („Raum“) geehrt. Die Schwedin Alicia Vikander erhielt die Auszeichnung für ihre Rolle in dem Transsexuellendrama „The Danish Girl“. Und die Pixar-Produktion „Alles steht Kopf“ – ein Trickfilm, der nur bedingt kindertauglich ist – wurde als bester Animationsfilm ausgezeichnet.