Konzert in Berlin

Bernd Begemann berauscht sich im "Monarch" an Kreuzberg

Der Sänger aus St. Pauli präsentiert in Berlin einfache Lieder über Liebe und Leben - und gleichzeitig ganz große Dramen.

Foto: Tapete/Andreas Hornoff

Was den Kotti betrifft, muss man festhalten, dass jetzt zwar die Bauzäune weg sind, die öde Platzgestaltung unter den Bahnschienen dadurch allerdings erst recht schrecklich wirkt. Angeblich scheint es hier ja ohnehin immer schlimmer zu werden mit Druffis, Diebstahl und Gewalt. Der Eingang zum Monarch wirkt nicht furchteinflößend. Noch nicht? Aber war früher wirklich alles besser? Auch hier?

Früher, als der kleine Tim Raue sein Taschengeld im Kaisers ausgab. Als im Festsaal Kreuzberg noch Konzerte gespielt wurden. Als Bernd Begemann noch in St. Pauli wohnte. Sentimentale Stimmung darüber, dass heute alles viel weniger schön ist, kommt im "Monarch" jedenfalls nicht auf.

Hier, hinter der großen Fensterfront ist man ganz weit weg von der Tristesse. Durch die großen Luken sieht man nicht den grauen Kotti, sondern nur die gelben Züge der U1 majestätisch am Kottbusser Tor einfahren. „Großstädtisch“, findet es Begemann. Bevor er vor dem Mikro steht und die „Loggiafenster“ entsprechend bewundern kann, muss er sich mit den Jungs der "Befreiung" durchs Publikum pflügen. Vorbei an der umständlichen Quadratbar, ganz nach hinten beziehungsweise ganz nach vorne durch.

Ganz einfache Lieder über Liebe und Leben

Begemanns ewiger Staubsaugervertreter-Aufzug ist wie gewohnt in unappetitlichem beige gehalten. Es geht verhältnismäßig zurückhaltend los, mit einem zärtelnden „Es ist so wie du sagst“. Dann wird befreit in die Tasten gekloppt und losgerockt. Lässig, hart, charmant-schief zu Rückschau und Gegenwart, aufgezeigt an St. Pauli, dem Hamburger Äquivalent zu Kreuzberg.

Das einst schwer geliebte Viertel bringt es nicht mehr, die Fanmeilenproblematik hat Bernd den Rest gegeben. Er ist bereit für Bramfeld oder Stellingen, für ein Leben im Speckgürtel. Es sind überhaupt ganz einfache Lieder über Liebe und Leben und gleichzeitig ganz große Dramen, die den Abend füllen.

Begemann, anarchischer Entertainer, Gesellschaftserklärer mit Stil und Schubidu-Faktor. Einer, der „Mein Power-Tier ist ein Gnu“ zum Mitgröl-Pop macht und der dem „Nazi-Tattoo-Papa“ schicken Swing verpasst. Der sich zwischen Liebe und Freiheit schnell das Sakko ausziehen muss, weil es langsam ziemlich heiß wird. Die großen Fenster zum Kotti raus sind längst blickdicht beschlagen. Nonstop wird improvisiert, gejammt, gelacht, applaudiert und manche versuchen vor der sardinenbüchsigen Bühnenetage sogar zu tanzen.

„Liebling, wir haben größere Probleme als uns"

Egal ob im schwitzigen Rock’n’Roll, süffisanten Schlageranleihen oder was Begemanns kleiner Forderungskatalog noch so her gibt: in jedem Song steckt etwas, das einem direkt ans Herz geht. Der lila Twingo zum Beispiel. Sich an grell lackierte Autos aus den 90ern zurück zu erinnern, das ist für Begemann Liebe. Liebe ist auch, wenn man mit einer besoffen Fahrerin auf dem Beifahrersitz ausharren kann.

Eine seiner glanzvollsten Alltagsromantikoffensiven klingt folgendermaßen: „Liebling, wir haben größere Probleme als uns." Will man Beziehung noch besser umschreiben? Nö. Liebeskummer gibt es natürlich auch, wenn „Ich kann dich nicht kriegen, Karin“ angestimmt wird. Dann spielt Begemann den deutschen Blues wie es sonst keiner kann. Und es ist zum Heulen und Lachen gleichzeitig.

Die Welt ist nicht verloren

Wenn Bernd von Frieden singt, dann meint er damit vor allem, dass man sich nicht mehr über die ganzen Idioten da draußen aufregen soll, weil es am Ende doch gar nichts bringt. Und wenn er die Keksmamas erwähnt, dann kann man sich das auch gut vorstellen – den Friedenspakt zwischen Bio und Bernd nach einem übermütterlichen Versöhnungs-Dinkelchen.

Was Zocker in großen Geldinstituten angeht und den deutschen Hass, da fehlt die Lakonik und Versöhnung ist nicht in Sicht. Es ist einiges ziemlich düster im Moment, einiges, was schon früher nicht besser war. St. Pauli und die Fanmeilenproblematik sind zwischen Idiotie, Fassungslosigkeit und Liebe wohl das kleinste Problem. „Die Reichen haben gewonnen" konstatiert Bernd Begemann, mag sein. Die Welt ist trotzdem noch nicht verloren, solange er noch für uns singt.