Literatur

Eine nebensächliche Liebe

Unaufdringliche Erzählerin: Johanna Adorjan berichtet in ihrem neuen Buch „Geteiltes Vergnügen“ über eine Romanze im 21. Jahrhundert

Das scheinbar Nebensächliche ist das Meisterstück von Johanna Adorjan. Niemand kann so wundervoll, so fast im Vorbeigehen erzählen wie sie. So schildert uns die Autorin die erste Annäherung von Held und Heldin mit einer Gleichzeitigkeit. „Während wir auf den Aufzug warten, küssten wir uns“, steht ziemlich am Anfang dieser Liebesgeschichte, die für den einen tatsächlich wohl nur eine Sache neben vielen anderen bleibt und die nur für den anderen, die Heldin, zum Wesentlichen werden soll.

„Er hatte so eine Art, rasant in Sätze hineinzustolpern“

„Geteiltes Vergnügen“, der neue Roman von Johanna Adorjan, der dieser Tage im Hanser Verlag Berlin erscheint, ist nicht die erste Liebesgeschichte der Autorin. Mit dem 2009 erschienen Buch „Eine exklusive Liebe“ ist Adorjan ein großer Erfolg gelungen. Darin schildert sie ein Schicksal des 20. Jahrhunderts: Vera und Istvan, zwei Juden, die den Holocaust überlebt hatten, die Kommunisten wurden, aus Ungarn nach Dänemark flohen, und die sich, als der eine unheilbar krank wird, entschließen, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Großeltern. Nachdem man dieses Buch gelesen hat, kann man sagen, Adorjan versteht etwas von der Liebe.

Und auch die Nebensächlichkeit kennt der Leser schon von Johanna Adorjan. Die Interviews, die die Journalistin für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ führt, reduzieren sich selten auf Fragen und Antworten. Sie sind vielmehr Gespräche zwischen zwei Menschen, die sich begegnen. Ganz beiläufig werden dann Fragen verhandelt. Manchmal antworten beide, manchmal keiner. Adorjan hat kein Problem mit Leerstellen.

Nun widmet sich Adorjan also der Liebe im 21. Jahrhundert und erzählt die Geschichte von Jessica und Tom. Tom Natanson, ein New Yorker, ein Geiger, der Vater ein Pianist, die Mutter eine Drehbuchautorin und Essayistin, die Jessica, eine Journalistin, die gerade an einem Roman arbeitet, bewundert. Die beiden lernen sich an einem dieser endlosen Sommerabende im Hof eines Restaurants auf Treppenstufen kennen. „Er hatte so eine angenehme Stimme und eine Art, rasant in Sätze hineinzustolpern und sie dann mittendrin abzubrechen, als hinge ein Gedankenstrich in der Luft.“ Jessica hängt noch einer alten Beziehung nach, aber sie ist sofort fasziniert von Toms Energie.

Die beiden treffen sich wieder, zufällig, in demselben Restaurant. Dann noch einmal, mit einer Freundin von Jessica. Gemeinsam nehmen sie Kokain, ziehen weiter, landen irgendwo auf Bierbänken und küssen sich zu dritt. Dann flieht Jessica.

Erst nachdem ein anderes Date scheitert, gibt es eine richtige Verabredung der beiden, die mit bereits zitiertem Resultat vor dem Aufzug endet. „Plötzlich fühlte es sich dringend an“, schreibt Adorjan. „Wir umschlangen uns, und obwohl ich hohe Schuhe trug, musste er sich zu mir hinabbeugen, und als der Aufzug kam und sich seine Tür mit einem kleinen metallischen Bling öffnete, fielen wir fast hinein.“ In manche Szenen, so wie in diese, stolpert der Leser hinein in diese Liebe der Protagonisten, die im Vorübergehen beginnt. Doch solche Dringlichkeit ist selten. So richtig etwas zu planen oder zu wollen scheint hier keiner, nicht die Autorin und schon gar nicht die Heldin. Der fällt nämlich im Aufzug ein, dass sie vielleicht gerade nicht gut genug aussieht, und sie verabschiedet sich ein weiteres Mal.

So viel Charme das unaufdringliche Erzählen Adorjans auch hat, manchmal wünscht man sich etwas weniger davon. Es gibt beispielsweise lange Beschreibungen von Toms Haus, die sich ins Irrelevante verlieren. Fast anderthalb Seiten lang werden wir über Lage und Beschaffenheit informiert, so als wollten wir Tom selbst mal besuchen und hätten nach dem Weg gefragt. „Das Haus konnte nur von der Rückseite aus betreten werden. Man musste zunächst durch eine dunkle Einfahrt hindurch, um hinten den gläsernen Aufzug zu finden, der in einem silbergrauen Aluminiumkäfig geräuschlos die Rückfassade bis nach oben fuhr.“ Oder Details wie eine genaue Aufzählung inklusive Übersetzung einer Speisekarte in einem Restaurant bei einem ohnehin schon sehr ausgedehnten Treffen von Jessica mit ihrem frankophonen Exfreund, die so wirken, als wollte die Autorin hier vor allem etwas von der Erzählstrecke zurücklegen, egal wie. „,Und was ist ... Stachelbeere?’ Ich versuchte es ihm zu erklären. Groseille à maquereau? Bist du sicher?‘ Er sah mich erschrocken an.“

Tom wohnt bei einem Komponisten, mit dem er nicht nur das Haus sondern auch die Frauen teilt. Er schläft weiter mit seiner Ex-Freundin, er hat sich nicht von seiner Mutter gelöst. Und als es ihm zu eng wird mit Jesica, da erklärt er ihr, er müsse erst mal erwachsen werden. Vieles von dieser Geschichte hat man schon mal gelesen oder gehört oder erlebt. Das macht den Helden und seinen Drang zur Freiheit, der hier wie ein großes Geheimnis dargestellt wird, leider nicht interessanter.

Schauplatz der Handlung ist München, was allerdings keine wirkliche Rolle spielt. Mal ist man im Glockenbachviertel, aber das ist auch schon alles. Die Vermutung liegt nahe, dass die Autorin München nur wählte, damit ihrem Buch nicht das Label des Berlin-Romans verpasst wird. Tatsächlich aber passt die Geschichte fast zu gut zu diesen literarischen Episodenlieben, die eigentlich immer in der Hauptstadt spielen. Eine Frau trifft einen Mann, der was mit Kunst macht. Die beiden leben ein bisschen neben- und miteinander. Sie will mehr, er weniger. Irgendwann ist es vorbei und obwohl es eigentlich ganz schön war, vergisst man es. Die Liebe und auch das Buch darüber.

Nur einzelne Szenen bleiben. Johanna Adorjan ist eine ebenso kunstvolle wie eigenwillige Erzählerin, man hört ihr gerne zu. Nur hat sie diesmal leider keine Geschichte gefunden. So bleibt ihr neues Buch wie der Titel es verspricht, ein geteiltes Vergnügen.