Oper

Schachspiel der Leidenschaft

Eine Inszenierung von Dirigent Christoph Hagel ist immer ein Ereignis. Gerade hat er Mozarts wohl verrückteste Oper ins Bode-Museum gebracht.

Plötzlich geht das Licht aus. Nicht nur die Scheinwerfer und die Bühnenbeleuchtung, sondern auch die Pultlampen der Orchestermusiker. Dunkle Nacht im Bode-Museum. Die Sänger stehen still, wie eingefroren, mit ineinander verschobenen Körperteilen und weit aufgerissenen Augen und Mündern.

Dirigent und Regisseur Christoph Hagel hat die Bühne für seine Aufführung von Mozarts „Die falsche Gärtnerin“ in einem kirchenschiffähnlichen Saal des Bode-Museums aufbauen lassen. Ein langer, mit Plastikgras bedeckter Steg. Die Berliner Symphoniker sitzen auf einer Seite, die Zuschauer um die Bühne herum verteilt. So nah, dass man den Schweiß auf der Stirn der Sänger, die Falten in den Leinenkleidern der Gärtner und die gestickten Ornamente auf den Samtgewändern der Adligen sehen kann.

Ein minimalistisches und abstraktes Bühnenbild für eine Oper mit überschaubarer Handlung: Graf Belfiore verletzt aus Eifersucht seine Geliebte. Diese wird für tot gehalten, versteckt sich aber in Wahrheit beim Amtshauptmann Don Anchise, bei dem sie unter falschem Namen als Gärtnerin arbeitet. Nach diversen Paarkombinationen und Verwirrungen finden am Ende alle Mitspieler des Gartenreigens zu ihrem rechten Partner. Nur Don Anchise bleibt alleine in seinem Garten zurück.

Den Prolog der Oper hatte Christoph Hagel, der für seine Opernproduktionen an ungewöhnlichen Orten bekannt ist, in die große Kuppelhalle des Museums verlegt. Dort wütet der eifersüchtige Graf Belfiore, dann flüchtet er an den Zuschauern vorbei die Treppe hinauf. Keine dramatischen Streitszenen zwischen den Liebenden, kein herzzerreißendes Blutvergießen. Den Großteil der Erzählung übernehmen auf die Statuen der Halle projizierte Bilder: Abstrakte Abfolgen von wuchernden Pflanzen, wuselnden Ameisen und dann das rote, spritzende Blut. Dramatik ist auch später auf der Grasbühne, zwischen den Marienbildern und Kreuzigunsszenen an den Wänden des Museums, kaum zu finden. Die Sänger singen ihre Arien echt, überspielen kaum und lassen die Zuschauer an der Handlung im Garten teilnehmen. Lange Arien werden von Kindertänzern aufgelockert, die spielend über die Bühne springen. Dabei bleibt es aber auch.

Ein süßer Hauch von Leidenschaft und ein Anflug von Dramatik auf dem Plastikrasen des Don Anchise. Ein sicherer Vortrag, aber ohne im Gedächtnis bleibende Tiefe. Ein munteres Schachspiel der Leidenschaft. Was am Ende der 140 Minuten besonders im Gedächtnis bleibt, ist keine tief berührende Szene der Oper, sondern der Stromausfall im zweiten Akt. Gerade haben sich Gärtner, Zimmermädchen und Adlige im nächtlichen Garten aufeinander gewälzt. Dann geht nichts mehr. Das Orchester stockt, die Sänger erstarren. Als es nach wenigen Minuten wieder hell wird, singen sie weiter, als sei nichts gewesen. Das ist professionell.

Bode-Museum, Am Kupfergraben, Mitte. Tel.: 01806-395300. Bis 22. Mai