Kultur

„Ich lebe im ewigen Jetlag“

Die Geigerin Vilde Frang stellt sich bei Berliner Orchestern vor. Dabei lebt die Norwegerin schon längst in der Stadt

Schwerelos und gleichzeitig in jeder Note bedeutungsvoll ist der Klang der norwegischen Geigerin Vilde Frang. Überall auf der Welt ist sie als Solistin gefragt, längst nicht mehr als Wunderkind, sondern als einfühlsame Interpretin, die eine Menge zu sagen hat. In einem kleinen Delikatessengeschäft in Prenzlauer Berg hält sie ihren Cappuccino mit beiden Händen, die Jeansbeine übereinander geschlagen und blickt über den Helmholtzplatz. „Wenn man als Musiker viel auf Reisen ist“, findet Vilde Frang, „dann kann es in Europa eigentlich nur ein Zuhause geben. Und das ist hier.“ Die 29-Jährige reißt ihre riesigen grünbraunen Augen noch ein wenig weiter auf, wie immer, wenn ihr etwas ganz wichtig ist. Heimat, das sei ja etwas, was man sich selbst im Herzen schaffe. Für sie sei es der Ort, an dem ihre Freunde leben. Musikerfreunde sind das bei Vilde Frang, die im internationalen Konzertkosmos herumjetten wie sie selbst.

Drei Kontrabässe passen nicht in ein Auto, sagte ihr Vater

Die romantische Vorstellung, dass sie als Norwegerin doch Fjorde, Berge und Felsen vermissen müsse, winkt Vilde Frang beiseite. „Ich bin sehr gern in Norwegen und freue mich auch, dass ich seit einiger Zeit eine Professur in Oslo habe. Aber wo meine Heimat ist, bestimme ich selbst.“ Das ist eine kluge Konsequenz, wenn man wie Vilde Frang sehr früh von zu Hause ausgezogen ist, weil die Förderung ihres besonderen Talents es notwendig machte. „Als ich ganz klein war, wollte ich Kontrabass spielen wie mein Vater und meine Schwester. Aber mein Vater erklärte mir, dass drei Bässe einfach nicht in unser Auto passten.“ Stattdessen bastelte er ihr eine kleine Geige, die Vilde aber hasste, weil kein Ton aus ihr herauszubringen war. Mit vier Jahren bekam sie dann eine „singende“ Geige, die sie nie wieder losließ. Acht Jahre später gab sie ihr Debüt mit den Osloer Philharmonikern unter der Leitung von Mariss Jansons.

Als 11-Jährige spielte sie Anne-Sophie Mutter vor, die später ihre Förderin wurde. „Mit 15 Jahren näherte ich mich Deutschland ganz vorsichtig an und zog schließlich mit 16 nach München. Alles veränderte sich für mich, ich habe nie stundenlang Tonleitern geübt. Aber es ist sinnvoll, das zu tun, solange man sehr jung ist. Es ist wie Sprachenlernen. Heute habe ich alles in den Fingern. Ich muss nur ab und zu ein bisschen Nachölen, damit der Motor nicht stottert.“ Vilde Frang studierte zunächst bei Kolja Blacher in Berlin und Hamburg und bei Ana Chumachenco. Von Anne-Sophie Mutter lernte sie, ihren Weg als Geigerin mit „200-prozentigem Ernst zu verfolgen“. Sie sei eine äußerst großzügige Lehrerin, gleichzeitig kein mütterlicher Typ. „Keine ‚Tante Sophie‘“, kichert sie Geigerin und zeigt ihre perlweißen Zähne. „Aber sie schaffte es bei jedem, ihn seinen Bedürfnissen gemäß zu unterrichten.“ Es gebe zwar einen Förderer- und Freundeskreis, aber man habe sich dadurch nicht in ein System oder Schema gepresst gefühlt. „Ich habe zum Beispiel meine Geige von ihr bekommen, die ich immer noch spiele. Sie hat mich oft auf Tourneen mitgenommen, hat mir in New York den Broadway gezeigt und gesagt: ‚Du musst Cheesecake probieren.‘“ In München habe sie ihr die Pinakothek der Moderne gezeigt und ihr klargemacht, dass man nur eine reife Künstlerin werden kann, wenn man den Blick ab und zu von der Geige hebt und anderes entdeckt.

„Als nach sieben Jahren meine Zeit in der Stiftung von Anne-Sophie Mutter vorbei war, dachte ich kurz daran, nach Paris zu gehen – aber dann fühlte es sich plötzlich ganz natürlich an, nach Berlin zu ziehen.“ Die Stadt habe für sie eine positive Energie, ohne dabei hektisch zu sein. Das habe sie nirgendwo anders erlebt. „Ich lebe in einem ewigen Jetlag. Vor einem Konzert esse ich nichts, damit ich rein und klar bleibe – danach ist es mitten in der Nacht und das Abendessen liegt einem wie Wackersteine im Magen.“ Sehnsucht hat sie nach Routine. „Eigenes Brot backen, mit einem eigenen Hund spazieren gehen, das wäre so schön. Aber bei mir überlebt nicht mal ein Kaktus, so selten bin ich zu Hause.“ Taxi, Hotelzimmer, Roomservice, das alles sei komfortabel, aber ungesund. Deshalb schicke sie sich selbst an jedem Konzertort der Welt vor die Tür zum Spazierengehen. In Berlin umrundet sie am liebsten den Schlachtensee.

Mit den Philharmonikern spielt sie beim Europa-Konzert

Am 1. Mai wird Vilde Frang mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle im norwegischen Røros das diesjährige Europakonzert spielen. Bereits am 28. Februar gibt sie ihr Debüt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie. Auf dem Programm steht Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert in D-Dur, das sie soeben mit dem hr-Sinfonieorchester eingespielt hat. „Das ist für mich ein spätromantisches Konzert, aber in einer Sprache des 20. Jahrhunderts geschrieben. Technisch sehr anspruchsvoll, aber wenn es gut läuft, fliegt man über alle Grenzen hinweg. Das Konzert ist richtig fett orchestriert, als Solist muss man um sein Leben kämpfen, damit man überhaupt zu hören ist, man ist kurz vor dem Ertrinken – wunderbar!“

Kennengelernt hat sie das Konzert sehr spät. „Alles, was man als Musiker entdeckt, wenn man älter ist als zehn Jahre, ist spät“, erklärt die Geigerin. „Bei Britten zum Beispiel war es so: Ich lernte seine Musik kennen, als ich 17 war. Das ist, als ob Sie eine Sprache hören, die Sie nicht verstehen, aber die trotzdem zu Ihnen spricht und die Sie unbedingt lernen müssen! Oder sich an den Geschmack von Kaffee oder Oliven oder Kapern zu gewöhnen.“ Manchmal mache man auch Fehler, wenn man jünger sei. „Das Korngold-Konzert habe ich mal in einem Schülervorspiel gehört. Es hat mich überhaupt nicht interessiert. Aber zehn Jahre später hörte ich es wieder – und war hingerissen.“

Das Feuerwerk in den hohen Lagen hat es ihr besonders angetan. Sportlich anstrengend, aber erfüllend nennt sie das, was Korngold vermutlich hinzufügte, nachdem der uraufführende Geiger Jascha Heifetz gesagt hatte, das Stück sei ihm noch zu einfach. Leuchtende Farben hoch in den Himmel sprühen, am liebsten in einem vollen Konzertsaal, das ist Vilde Frang das Liebste. „Live und gegen jeden Anfall von Perfektionismus gewappnet“, lacht sie, als sie sich den Kapuzenmantel überstreift.

Philharmonie: 28.2., 20 Uhr. Tel. 20298711