Klassik-Kritik

Piotr Anderszewski spielt gegen alle Konventionen an

Der polnische Klangextremist Piotr Anderszewski hat sich an diesem Abend entschlossen, nahezu im Dunkeln zu spielen. Nur auf die Tastatur und seine Hände fällt etwas schummriges Licht. Die Konzentration im Kammermusiksaal ist umso stärker auf die Musik gerichtet: auf zwei Partiten von Bach, die das Rezital rahmen, zwei Klavierzyklen von Schumann, die wiederum ein Opus von Karol Szymanowski flankieren. Doch warum nun klingt Anderszewski so ganz anders als alle anderen Weltklasse-Pianisten? Es sind wohl seine zwei vollkommen verschieden geführten Hände, zwei Hände, die wie eigensinnige Charaktere mal gegeneinander, mal unvereinbar nebeneinander laufen, sich dann plötzlich wild zusammenraufen oder auch spektakulär die Rollen wechseln. Dass sich die Struktur der Kompositionen dabei zwar stark dehnen kann, aber niemals zerbricht – das gehört zu den Wundern des Abends.

Seine Bach-Partiten Nr. 6 und Nr. 1 wirken unberechenbar. Sie leuchten in zuweilen weichen orchestralen Farben, verblüffen urplötzlich mit mächtigem Orgelsound, schwirren zwischen knorrigem Cembalo- und gleißendem Steinway-Klang. Anderszewski überschreitet bewusst die Grenzen des guten Geschmacks, doch er überschreitet sie nicht dauerhaft. Er gönnt sich und dem Publikum immer wieder kurze Phasen der Erholung. Phasen, in denen er sich besänftigend zurückzieht und zauberhaft Poetisches aus der Tastatur streichelt. Bei Schumanns frühen "Papillons" op. 2 und den späten "Geistervariationen" verhält es sich ganz ähnlich. Ja, mehr noch: Jede Komposition des Abends scheint mit jeder anderen zusammenzuhängen. So klingen Szymanowskis "Métopes" op. 29, drei Stimmungsbilder nach Homers "Odyssee", nicht nur wie üblich nach Debussy und Skrjabin, Ravel und Strawinsky. Es hallen in ihnen auch jene genialischen Verrücktheiten wider, die Anderszewski zuvor in Schumanns frühen "Papillons" op. 2 und später dann in den "Geistervariationen" zelebriert.

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