Kino

Sarajewo: Zerrissene Stadt, zerrissener Film

Ein Tag im Hotel Europa, in dem alles drunter und drüber geht: „Death in Sarajewo“

Foto: © Margo Cinema & SCCA/pro.ba

Zu den Gedenkveranstaltungen im Sommer 2014 hatten sich Bosniens Serben eine besondere Geschmacklosigkeit einfallen lassen: Sie enthüllten in Sarajewo ein Denkmal für Gavrilo Princip, der den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand 1914 erschossen hatte. Ob dieses Attentat wirklich den Ersten Weltkrieg auslöste, ist unter den Historikern umstritten – zwischen Anschlag und Kriegsbeginn lagen ein ganzer Monat –, eindeutiger ist das Urteil über Gavrilo Princip außerhalb der serbischen Welt: Er war ein einfältiger, faschistischer Mörder. Niemand, auf den man stolz sein könnte. Würde man glauben.

„Death in Sarajevo“ heißt der Spielfilm des bosnischen Regisseurs Danis Tanović, der vor drei Jahren mit „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ zwei Bären erhielt. Sein neuer Film ist eine Hommage an seine Hauptstadt. Sie ist disparat, kurzweilig, mit einem Dutzend Handlungssträngen, die Stoff für drei Stunden böten, aber eine Dauer von 84 Minuten ist auch mal ganz schön.

Die Pose, das wichtigtuerische Wort ist wichtiger als die Empathie

Der Film zeigt die zerrissene, lebenshungrige, in der Vergangenheit verhafteten Stadt (wenngleich nicht das Attentat von 1914, sondern die Belagerung der Stadt 1992 bis 1996 allgegenwärtig ist): In der Gegenwart sorgt sich der Direktor, der die Kredite nicht bezahlen kann und die Löhne nicht auszahlt, um sein Hotel. Die Angestellten wollen streiken, es könnte der Bankrott für das Haus sein, das den schönen Namen Hotel Europa trägt. Der Direktor (Izudin Bajrović) – anfangs ein honoriger, sich um alles kümmernder Manager – schaltet ein paar Gangster ein, die den Streikanführer verprügeln. Man arbeitet schon länger zusammen, der Gangsterboss (Aleksandar Seksan) betreibt im Keller des Hotels einen Pokerraum und eine Stripbar. Anderes Personal, andere Sorgen: Die ehrgeizige Hotelangestellte (Snežana Vidović) hatte in der Nacht zuvor einen dusseligen One-Night-Stand mit dem Aushilfskoch, der ihr nun dauernd hinterhertrabt und sie am liebsten sofort heiraten will („Und wo wollen wir wohnen? Bei deinen Eltern?“ – „Die leben ja auch nicht ewig“). Noch ärgerlich ist, dass ausgerechnet die eigene Mutter, die als Wäscherin im Hotel arbeitet, die neue Streikführerin ist. Auch sie wird bald die Gangster kennenlernen.

Die zweite, ziemlich offensichtliche Ebene, ist die Auseinandersetzung um die Vergangenheit. Die TV-Journalistin (Vedrana Seksan) interviewt einen Mann namens Gavrilo Princip (Muhamed Hadžović), ein Nachfahre des Attentäters. Er ist ein serbischer Nationalist, der in jedem Genozid der Serben nur eine Verteidigungsmaßnahme sieht. Die TV-Journalistin verlässt ihre Position der neutral Fragenden. Die Verbindung zwischen Heute und dem Vergangenen ist der französische Schauspieler Jacques Weber, der sich selbst spielt und in einem Hotelzimmer seine Rede anlässlich des 100. Gedenkentages in der Stadt probt. Es soll eine aufwühlende Rede werden, doch Jacques Weber zeigt, um was bei dieser Art von Ansprachen geht: Die Pose, das wichtigtuerische Wort ist wichtiger als die Empathie.

Ein bosnischer Sicherheitsmann sieht auf der Überwachungskamera, wie Weber pathetisch über Sarajewo spricht. Er versteht kein Wort, es interessiert ihn auch nicht. Seine Freundin will ein Sofa kaufen, das sie sich nicht leisten können.