Kino

Michael Moores neuer Film – für Freunde des Brachialhumors

Der Regisseur besucht in „Where to Invade Next“ Europa und entdeckt auf dem Kontinent paradiesische Zustände

Hier war er noch gesund: Regisseur Michael Moore hat seine Teilnahme an der Berlinale absagen müssen, weil er krank geworden ist. Er schickte eine Grußbotschaft

Hier war er noch gesund: Regisseur Michael Moore hat seine Teilnahme an der Berlinale absagen müssen, weil er krank geworden ist. Er schickte eine Grußbotschaft

Foto: Berlinale / BM

Vorurteile vereinfachen das Leben. Daher ist bekannt, dass Italiener lebensfroh, wenngleich geschwätzig sind und endlos über Essen reden, die Einwohner der Balkanstaaten herzlich sind, aber irgendwie verschlagen und die Franzosen einen mit ihrer Überheblichkeit und ihrem Modetick nerven. Und die Deutschen?

Nimmt man den neuen Film von Michael Moore als Maßstab, dann ist unsere große Stärke die Vergangenheitsbewältigung. Na danke. Die Zeit des Nationalsozialismus sei hierzulande unvergessen und in der Schule werde gelehrt, wie mit der Bürde zu leben sei. Und da die Ausrottung der Indianer in den USA Moore zufolge nicht ausreichend gedacht wird, würde er the German way of Vergangenheitsbewältigung gern in die USA exportieren.

Er fährt durch die Alte Welt und pickt sich die Rosinen raus

„Where to Invade Next“ – Wo man jetzt noch so einmarschieren könnte – heißt Michael Moores Film, der auf der Berlinale als Special läuft. Die USA ­waren, so die Ausgangsthese, bei ihren Kriegen in den vergangenen Jahrzehnten nicht sonderlich erfolgreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sie nur verloren: Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan; all ihre Invasionen endeten mit einer Niederlage. Deshalb macht sich Michael Moore jetzt als Ein-Mann-Armee allein auf den Weg durch die Welt. Er fährt durch Europa und Tunesien und pickt sich die Rosinen raus. Die Idee ist einfach: Wenn die US-Amerikaner das schulische Bildungssystem der Finnen übernehmen, Frauen so gleichberechtigt behandeln wie Isländer und so viele Urlaubstage hätten wie Italiener, dann würde sich die USA in ein paradiesisches Land verwandeln.

Michael Moore, der wegen einer Erkrankung seinen Berlinale-Besuch absagen musste, hatte lange nichts für das Kino gedreht. „Kapitalismus. Eine Liebesgeschichte“ kam 2009 heraus, ein Film über die Finanzkrise. Mit derselben Eindeutigkeit, mit dem der im vergangenen Monat angelaufene Film „The Big Short“ den Bankmanagern die Schuld an der gesamten Malaise gab, urteilte Moore in seiner „Liebesgeschichte“, in dem er die früheren US-Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush für die Wirtschaftskrise allein verantwortlich machte. Moores Ruhm gründet auf einem 2002 erschienenen Film, nämlich „Bowling for Columbine“. Angesichts des Amoklaufes an der Columbine High School fragte er sich, was eigentlich schiefläuft in diesem waffenvernarrten Land.

Nun wäre es ein bisschen billig, Michael Moore für sein populistisches Rumgemaule an den USA zu kritisieren. Wim Wenders dreht keine Actionfilme, Disney keine Pornos, Michael Moore keine differenzierten Filme. So ist das nun mal. Und so erscheint in „Where to Invade Next“ Europa wie das weltliche Paradies. Als erstes bereist Moore Italien, weil er sich schon immer gewundert hat, warum die Italiener so glücklich aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt. Ein Pärchen erzählt ihm, dass sie 35 Urlaubstage haben und dann noch jede Menge nationale Feiertage, und wenn ein Baby kommt, bekäme die Mutter in den fünf Monaten nach der Geburt weiterhin ihren Lohn. Michael Moore spricht mit Arbeitgebern, die ihm erklären, wie wichtig es für die Firma und ein würdiges Leben insgesamt sei, dass sich die Menschen erholen und glücklich seien.

Norwegens Gefängnisse sehen so aus wie Ferienanlagen

Der Regisseur macht dabei sein Lieblingsgesicht: Er schaut scheinbar verwundert, als würde der andere ihm Geschichten aus 1001 Nacht erzählen. Dann erklärt Michael Moore dem italienischen Paar, dass es exakt zwei Länder weltweit gibt, die es sich nicht leisten könnten, ihren Angestellten Mutterschutzgeld zu zahlen: Papua-Neuguinea und die USA.

Er macht sich auf nach Frankreich und lässt sich die Schulspeisung in einem Dorf erklären. Dort wird das Essen vom Personal an den Tisch der Schüler gereicht, es gibt keine Burger, dafür eine verführerische Palette an Weichkäse und überhaupt bekommt man Heißhunger, wenn man diesen Ausschnitt sieht. Als Appetithemmer zeigt Michael Moore dann seinerseits den Schülern ein paar Bilder der eher gruseligen Schulspeisung in den USA.

Man lernt auch etwas dazu: In Norwegen gibt es ein Gefängnis, das einer Ferienanlage gleicht. „Die weiträumig verteilten Bungalows befinden sich direkt am Wasser“, würde man in einem Werbeprospekt schreiben. Auf die gut 100 Insassen passen vier unbewaffnete Wärter auf. Michael Moore besucht ein zweites Gefängnis, ein sogenanntes Hochsicherheitsgefängnis. Dort gibt es eine geräumige Bibliothek, ein Plattenstudio und auch hier ist das Personal unbewaffnet. Verrückt. Aber es scheint zu funktionieren, die Rückfallquote liegt laut Moore bei 20 Prozent.

Hoffentlich stimmt das, der Oscar-Preisträger dreht sich die Sachen ja gerne zurecht. Italien zum Beispiel ist, da können die Leute noch so fröhlich daherkommen, wirtschaftlich der Patient Europas. Kein EU-Land stagniert seit einer Dekade so beharrlich, die ­Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 38 ­Prozent.

Oder die Politik in Portugal, das ­Michael Moore dafür bewundert, dass Drogenkonsum nicht kriminalisiert wird, ist den Amerikanern nicht fern: Auch in Colorado und im Staate ­Washington kann man Marihuana legal kaufen und konsumieren. Aber wie gesagt, das ist Erbsenzählerei. Wer parteiischen Brachialhumor mag, wird den Kinobesuch nicht bereuen.

Termine: Zoo Palast, heute, 12:.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 19.02. 18 Uhr,
Haus der Berliner Festspiele, 20.2.,
12:30 Uhr, Zoo Palast, 21.2., 9:30