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Berlinale-Juror Lars Eidinger rechnet mit dem Film ab

Schauspieler und Berlinale-Juror Lars Eidinger erzählt bei den „Talents“, dass er auf der Bühne immer, beim Filmen gar nichts lernt.

Berlinale-Juror Lars Eidinger

Berlinale-Juror Lars Eidinger

Foto: Pascal Le Segretain / Getty Images

Lars Eidinger weiß, was Medien wollen. Kein Geschwafel, keine „Ich liebte alle am Set. Wir waren wie eine große Familie“-Antworten, sondern echte Antworten, Einsichten und vielleicht auch mal eine Rückansicht, wie den eigenen Po zum Beispiel. Den zeigte er jüngst beim Auflegen auf der „Festival Night“ in der spanischen Botschaft. Die Medien waren in Aufruhr. Geht das als Berlinale-Jury-Mitglied? Er selbst hat danach alle Interviews gecancelt. Weil es wohl nur noch um das Eine gegangen wäre.

Auch beim Podiumsinterview im Rahmen der Talents-Reihe im Hebbel am Ufer kommentierte er das nicht. Aber er konnte es nicht lassen, dasrauf hinzuweisen, dass sein Name „Lars“ schwedisch ausgesprochen eigentlich „Larsch“ laute, dass er diese Variante, aber nicht möge, da sie ihn zu sehr an, na ja, an das Wort mit „A“ erinnerte. Stattdessen aber sagte er allerlei anderes, wirklich wunderbar Ehrliches.

Neben der Berlinale läuft kein Theaterengagement

Interviewt wurde er zusammen mit seiner italienischen Jury-Kollegin Alba Rohrwacher, die 2009 noch Berlinale-Shooting-Star war. Die Fragen stellte der britische Filmkritiker Peter Cowie. Rohrwacher und Eidinger lernten sich 2014 am Set von „Sworn Virgin“ kennen, der im vergangenen Jahr auch im Berlinale-Wettbewerb lief. Eigentlich aber hätten sie sich schon früher kennenlernen sollen, nämlich während der Dreharbeiten zu „Goltzius & The Pelican Company“ von Peter Greenaway. Doch Rohrwacher lehnte das Skript damals ab. Sie sagt, es sei ihr zu „hart“ gewesen. Eidinger geht ins Detail, sagt, in einem Greenway-Skript, da werde schon mal über Seiten die Beschaffenheit einer Vagina beschrieben.

Und nun sind beide Jury-Mitglied. Wie schafft man das, neben den sonstigen Verpflichtungen? Genau das will Cowie wissen. Eidinger sagt, er habe eigentlich noch zwei Schaubühnen-Abende neben der Berlinale spielen wollen, aber Kosslick habe ihm gesagt: Läuft nicht. Und Rohrwacher sagt, in Italien sei gerade ein neuer Film mit ihr erschienen. Sie sei sehr froh, dass sie all die Pressearbeit vor Ort nicht wahrnehmen könne. Cowie fragt Standardfragen wie: Was ist der Unterschied zwischen Schauspiel im Film und auf der Bühne? Und Eidinger wird immer amüsanter. Er antwortet, beim Film, da würde er nach einem Vorsprechen noch immer abgelehnt. Das kratze natürlich am Selbstbewusstsein. Wenn er aber unmittelbar danach auf der Bühne stehe, fühle er sich doch wieder wie der größte Schauspieler der Welt. Das tue gut. Dann antwortet Rohrwacher irgendetwas Blasses.

Und Eidinger, der nimmt noch mal das Mikro zum Mund und sagt: Bei jeder Theaterprobe habe er noch immer das Gefühl, er würde etwas lernen. Er habe das Gefühl, dort nur von Intellektuellen umgeben zu sein. Beim Film, sagt er, ist das genau umgekehrt. Das Publikum lacht. Auch von den ganzen Film-Partys hält er wohl eher weniger. Er sagt, er habe noch nie einen Job bekommen, weil er den richtigen Smalltalk geführt habe. Und das finde er auch sehr gut. In Wirklichkeit gehe es eben doch nur um gute Arbeit. Seine Frau habe ihm vor Jahren mal gesagt: „Du musst so lange in die Ecke pinkeln, bis es alle riechen.“ Und an den Tipp, da halte er sich noch immer.

Für „Die Wolken von Sils Maria“ arbeitete er mit Juliette Binoche. Die Zusammenarbeit, sagt er, sei fantastisch gewesen. Sie habe ihm in einer Szene wirklich das Gefühl gegeben, dass sie in ihn verliebt sei. Er sei dann total aufgeregt gewesen. „O mein Gott, Juliette Binoche ist in mich verliebt.“ Aber kaum sei die Szene vorbei gewesen, wusste er, okay, das war nur gespielt. Eidinger sagt, mit vielen deutschen Schauspielern ginge es ihm leider nicht so. Die würden die Zeilen nur aufsagen und ihn dabei völlig ausdruckslos angucken. Was auch verkehrt laufe im deutschen Film, sei, dass alle so langsam sprechen und dann so bedeutungsschwanger, so theatral ein Glas vom Tisch nehmen, um dann ganz langsam zu trinken.

Schauspieler lernen den Text erst auf dem Weg zum Set

Er sagt, im wahren Leben, da bewegen wir uns alle schneller, und wir sprechen auch schneller, deswegen wirke der deutsche Film oftmals so künstlich. Aufgefallen sei ihm das besonders, als er mit Kristen Stewart zusammen drehte, die sich einfach total natürlich vor der Kamera bewegt hätte. Das, sagt er, würde er aber auch nicht mehr lernen, dazu sei er einfach durch eine ganz andere Schule gegangen. Rohrwacher sieht ihn schräg von der Seite an. Es ist das einzige Mal, dass sie etwas, das Eidinger sagt, kommentiert: „Du musst den Schauspielern um dich rum vertrauen.“ Aber Eidingers Vertrauen in so manch einen deutschen Schauspieler wirkt eher erschüttert.

Letztens, da habe er Oliver Masucci gesehen, wie er in einer TV-Talkshow erzählte, dass er sich, um sich auf „Er ist wieder da“ vorzubereiten, mit 80 Hitler-Reden in einem Hotel eingesperrt hätte. Eidinger sagt, das sei sehr unehrlich. Wirklich, wohne er in einem Hotel? Nein. Hat er sich also erst während des Drehs auf dem Film vorbereitet? In Wahrheit, sagt er, ist es doch so. Die Schauspieler mit denen er zusammen drehe, die prägten sich ihre Zeilen im Taxi auf dem Weg zum Set ein.