Wettbewerb

Meine Ma, mein Pa, seine Geliebte & ich

Das Leben zusammen, so schön, so schlimm: „Die Kommune“ von Thomas Vinterberg

Und wenn wir alle zusammen ziehen? Der Filmtitel ist schon vergeben, würde aber wunderbar zu Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ passen. Der Architekturdozent Erik (Ulrich Thomsen) erbt ein Haus und möchte es verkaufen, seine Frau, Nachrichtensprecherin Anna (Trine Dyrholm), will lieber einziehen. Sein Einwand, es sei viel zu groß , lässt sie nicht gelten. Und während er noch überlegt, hat sie schon Freunde gefragt, ob sie nicht mit ihnen leben wollen.

Wir schreiben in diesem Wettbewerbsfilm die siebziger Jahre, die große Dekade der Experimente mit alternativen Lebensentwürfen. So hocken nach und nach immer mehr grundverschiedene Leute vor dem Paar, und wie in der WDR-Sendung „Zimmer frei“ wird per Handzeichen entschieden, ob sie bleiben sollen. Am Ende wohnen neun Erwachsene und zwei Kinder unter einem Dach, es kommt zu ersten gruppendynamischen Prozessen, mit gemeinsamem Essen, kollektivem Nacktbaden, ersten Differenzen über Mietrückstände und Bierabrechnungen. Bis Erik sich in eine Studentin verliebt und seine Tochter die beiden in flagranti erwischt. Da macht seine Frau einen Vorschlag, bei dem der ganze Berlinale Palast den Atem anhält: Soll sie doch auch mit einziehen.

Schon in „Quand on a 17 ans“, ebenfalls im Wettbewerb, kam es zu einer seltsamen Hausgemeinschaft, als zwei Schüler sich ständig prügelten, bis die Mutter des einen den anderen bei ihnen aufnimmt, bis die beiden sich lieben. Vinterbergs „Kommune“ funktioniert genau andersherum. Natürlich will Anna stark sein, die Kommune war ja ihre Idee, so denkt sie mutig und konsequent weiter. Aber es tut halt doch weh, und irgendwann bricht die Nachrichtensprecherin zusammen, buchstäblich vor laufender Kamera.

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Filmen, die in Kommunen spielen. Nicht von denen, die sie damals erprobt haben. Sondern von deren Kindern, die darunter wohl eher gelitten haben, sich die Erlebnisse jedenfalls offenbar von der Seele filmen müssen. Thomas Vinterberg, der mit „Das Fest“ einst den ersten Film der Dogma-Welle ins Kino brachte und zuletzt 2010 mit „Submarino“ auf der Berlinale vertreten war, hat seine Kindheitserlebnisse zunächst als Theaterstück verarbeitet, das in Wien uraufgeführt und auch schon am Deutschen Theater in Berlin inszeniert wurde, bevor er sie nun mit Witz und Wehmut auch auf die große Leinwand wirft.

Sein Alter Ego ist kein Junge, sondern ein Mädchen, das gerade in die Pubertät kommt und in jeder Hinsicht neue Welten betritt. Sie bleibt aber eher Randfigur, ebenso wie die Mitbewohner. Der Fokus liegt eindeutig auf den Eltern, die von Trine Dyrholm und Ulrich Thomsen herrlich ausgekostet werden. Ein schöner Schauspielerfilm mit vielen fein beobachteten Momenten. Aber vor allem ein Film, der von einer Zeit des selbstverständlichen Teilens erzählt. Ein Teilen, an das Vinterberg trotz allem glaubt und festhält – und das der Däne in der aktuellen Flüchtlingsproblematik in seiner Heimat schmerzlich vermisst.

Schon diese Grundbotschaft sollte bei der Berlinale-Jury gut ankommen. Die Filmmusik ist allerdings dreist bei „The Hours“ geklaut. Auch das war mal ein Berlinale-Film, Meryl Streep bekam dafür einen Silbernen Bären. Dass „Die Kommune“ nun genauso klingt, wird der Jurypräsidentin nicht gefallen.

Termine Haus der Berliner Festspiele, heute, 9.30 Uhr; Friedrichstadt-Palast heute, 12.15 u. 17.30 Uhr, 21.2., 14.30 Uhr