Konzert-Kritik

Geschichten von Herzschmerz, Sehnsucht und Lebensfreude

„Gestern.Heute“ heißt ihr Konzert: Die Songs von Christina Stürmer klingen live etwas härter

Christina Stürmer ist ein Star aus der Retorte. Die Sendung, bei der sie entdeckt wurde, ist seit Jahren eingestellt. Casting ist, so sagt Stürmer heute, überhaupt nie ihr Ding gewesen. Auch in die DSDS-Jury wolle sie nicht, weil sie es nicht mag, wie man da vorgeführt wird. Bei „Sing meinen Song“, einer TV-Show unter der Leitung von Ex-Eurovisionskandidat Xavier Naidoo, hat Stürmer im letzten Jahr aber schon mitgemacht. Weil es hier schließlich um Musik und nicht um den Vorführeffekt gehe. Vor allem geht es natürlich um Werbung. Die Show hat für Stürmer gut funktioniert, das Huxleys ist ausverkauft.

Auf der Bühne sieht man die Silhouette eines weißen Herzens auf schwarzem Grund, das Herz ist gleichzeitig auch ein Kopfhörer. An den roten Lichtern kann man erkennen, dass die Show demnächst anfangen muss. Zuerst läuft die Band ein, vier Jungs positionieren sich und spielen ein Intro, zu dem Christina Stürmer einläuft.

Früher galt sie als die Avril Lavigne der Alpenrepublik, ein Girlie, das zwar nicht Skateboardfahren kann, es aber gerne würde und lieber Sneakers statt High-Heels trägt. Handfest, kernig, Sporty ohne Spice, dafür mit Bodenhaftung. Mittlerweile ist Christina Stürmer einfach Christina Stürmer. Eine, die schon alles erlebt hat – will heißen die Höhen und Tiefen des Showbusiness. Eine, die immer wieder aufgestanden ist um jetzt ganz sie selbst zu sein. Passenderweise heißt ihr letztes Album aus dem Jahr 2013 „Hör auf dein Herz“. Im Huxleys treten Sängerin und Band mit einem Best-of an. Warum auch nicht, sie hat inzwischen neun goldene Schallplatten und 18 Mal Platin bekommen, ist seit zehn Jahren im Musikgeschäft. „Gestern.Heute“ lautet der nüchterne Titel ihrer Rückschau. Und schon bei den ersten Zeilen offenbart sich Christine Stürmers Lebenserfahrungspop. „Das Leben ist der Himmel, das Leben ist die Hölle“. Diese Zeilen werden brav mitgesungen, die älteren Damen und Herren wiegen sich zum Takt, die Jüngeren hüpfen und recken die Fäuste gen Bühne. Live sind die Songs etwas rockiger als auf den Platten.

Christina Stümers Lieder heißen „Scherbenmeer“, „Engel fliegen einsam“ und „Nie genug“. Sie erzählen leichte Geschichten von Herzschmerz, von Sehnsucht und Lebensfreude. Schreiben tut sie ihre Songs nicht selbst. Bald wird ein neues Album kommen, nach der Tour geht es ins Studio, ein paar neue Stücke spielt sie. „Das Größte, was wir können, ist Mensch zu sein“ singt sie im neuesten Song „Seite an Seite“, im Publikum nickt man verklärt. Die Sängerin ist „wahnsinnig happy“, jetzt für so viel Publikum singen zu dürfen. Sie bedankt sich dafür, dass die Halle ausverkauft ist, sagt brav, wie sehr es ihrer Band im Huxleys gefällt.
Ihre Karriere ist skandalfrei und sauber. Nur einmal ist eine Interpretation Stürmers zum Politikum geworden. 2010 sang sie eine neue Version der Österreichischen Nationalhymne ein. Anstelle des ursprünglichen Textes „Heimat bist du großer Söhne“ hatte man – nach offizieller Absprache – den Text zu „Heimat bist du großer Söhne und Töchter“ geändert. Nicht cool, fanden das stolze Volkstümler von Graz bis Tirol. Eine eingereichte Klage gegen die gegenderte Hymne wurde jedoch vom Gericht abgelehnt. Ihre Version darf weiterhin gespielt werden, nur Andreas Gabalier, der selbst ernannte Volks-Rock-‘n’-Roller, weigert sich bis heute, den neuen Text mitzusingen.

Das Publikum braucht sich nicht darum zu kümmern, die Hymne steht nicht auf der Setlist. Das einzig heikle Thema, das sie anschneidet, ist die Urheberrechtsverletzung. „In Südafrika (bei „Sing meinen Song“) habe sie die Prinzen kennenlernen dürfen, berichtet sie. Das Publikum ist schon vor dem Einsatz von Schlagzeuger Klaus Pérez-Salado eingenordet. „Eeeohh“ grölt es in der Halle. Für „Alles nur geklaut“ bekommt sie den dicksten Applaus.