Kultur

„Es ist wichtig, den Mund aufzumachen, sonst ändert sich nie etwas“

Die Oscars hat er abgesagt. Aber zur Berlinale ist Spike Lee gekommen. Und bringt auch noch einen großen Film mit

Spike Lee ist zurück. Und wie. In den letzten Jahren war es etwas still geworden um den New Yorker Filmemacher, der in den 80er- und 90er-Jahren mit Werken wie „Do the Right Thing“ und „Malcolm X“ das afroamerikanische Kino prägte wie kein Zweiter. Seine Filme, die er meist in Personalunion schreibt, produziert und inszeniert, sind immer kämpferische Auseinandersetzung über gesellschaftspolitische Themen und den Rassismus in seiner Heimat. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, wegen seines hitzigen Temperaments hat er den Spitznamen „Spike“, zu Deutsch: Stachel, redlich verdient. Zuletzt aber liefen seine Filme fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Nun ist Spike Lee auf der Berlinale, um seine neue Regiearbeit „Chi-Raq“ vorzustellen, mit der er endlich wieder zu alter Größe zurückgefunden hat. Der Titel ist eine Verballhornung von Chicago und Irak, der von Rappern erfundene Name für den südlichen Stadtteil Chicagos, der aufgrund seiner hohen Kriminalitätsrate mit einem Kriegsgebiet verglichen wird. Für den Titel wurde Lee bereits angegriffen. Er kann die Aufregung nicht verstehen: „Allein im Januar starben in Chicago 53 Menschen durch Schusswaffen. Man kann sich an dem Begriff stoßen, aber da werden tagtäglich Menschen ermordet.“

Sein Film basiert lose auf Aristophanes’ griechischem Komödienklassiker „Lysistrata“, in der sich die Frauen Athens und Spartas ihren Männer sexuell verweigern, um so den Frieden im Peloponnesischen Krieg zu erzwingen. Lee verlegt die Geschichte in die Gegenwart und erzählt in einem fulminanten Mix aus Hip-Hop-Musical, Politsatire und Theater von der grassierenden Ganggewalt in Chicago. Es ist der schärfste und zugleich unterhaltsamste Film Spike Lees seit Langem, nicht nur eine Rückkehr zu alter Form, sondern tatsächlich eine Weiterentwicklung. Lee ist wütend wie eh und je, aber das Ergebnis ist ein visuelles und ziemlich smartes Vergnügen. Die Besetzung mit Samuel L. Jackson, Wesley Snipes und Angela Bassett, die bereits in seinen früheren Filmen mitwirkten, sowie Rapper Nick Cannon und John Cusack vergleicht Lee mit einem guten Sportteam, das aus „ein paar erfahrenen alten Hasen und frischem Blut“ besteht.

Natürlich ist in Berlin auch die von Lee angefachte Debatte um die Oscarverleihung Thema. Der 57-jährige hatte angeprangert, dass in diesem Jahr keine schwarzen Darsteller in den Schauspielkategorien nominiert wurden. Das ist allgemein als Aufruf zum Boykott der Veranstaltung am 28. Februar verstanden worden. Lee stellt das nun richtig: „Ich schreibe niemanden vor, was er zu tun hat. Ich habe nur gesagt, dass ich nicht hingehe. Aber, was zum Teufel, 40 weiße Schauspieler in zwei Jahren und kein einziger Schwarzer?“ Seine lautstarke Kritik zeigte inzwischen Wirkung, die Academy will für mehr Vielfalt bei der Auswahl ihrer Mitglieder sorgen. „Das wäre nicht passiert, wenn wir nichts gesagt hätten. Es ist wichtig, den Mund aufzumachen.“ Das eigentliche Problem aber seien ohnehin die Entscheider in den Studios, die nur aus weißen Männern bestünden, betont er. „Die dort fehlende Diversität spiegelt sich dann auch in den Filmen wieder, die in Auftrag gegeben werden.“ Bereits im vergangenen November, als er selbst mit einem Ehren-Oscar geehrt wurde, hatte er bei seiner Dankesrede gesagt, dass es leichter ist, als Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten zu werden als der Boss eines Filmstudios.

Mit den Studios steht der unabhängige Autorenfilmer eh auf Kriegsfuß. Mittlerweile findet Lee für seine Projekte neue Finanzierungswege, ob über Kickstarter oder wie hier mit Amazon, das den Film nicht nur für seinen Streamingdienst produziert, sondern in Amerika auch ins Kino gebracht hat. Ein Spike Lee gibt sich nicht geschlagen.