Berlinale-Kolumne

In dieser Kolumne geht es vorübergehend nicht um Sex

Was tut man, wenn ein Film so schlecht ist, dass er Fluchtimpulse auslöst? Kann man einfach rausgehen, fragt sich unser Kolumnist.

Der Berlinale Palast am Potsdamer Platz

Der Berlinale Palast am Potsdamer Platz

Foto: Paul Zinken / dpa/picture alliance

Mein Leben als Kolumnist wäre ganz traumhaft, wenn ich nicht dauernd diese Kolumnen schreiben müsste. Wobei das Schreiben gar nicht mal so das Problem ist. Es sind die Themen. Dauernd renne ich über die Filmfestspiele und grüble: Was ist mein nächstes Thema? Oh Gott, ich habe noch keins. Was, wenn ich nichts finde und die Kolumne leer bleiben muss? Der Filmredakteur wird mich fassungslos anstarren. Der Kulturchef wird mit den Schultern zucken und sagen, das habe er immer schon gewusst. Und dann kommt der Anruf aus der Chefredaktion.

Vielleicht mal was über Sex? Sex, gutes Thema. Alle sind besessen davon. Außerdem online der Bringer. In den Filmen kommt er dauernd vor. In einem Film aus Tunesien hat ein Mann Sex, weil er frei sein will. In einem Film aus Frankreich hat ein Mann Sex, weil er nicht mehr mit seiner Frau schlafen will. Im Film eines Frankokanadiers hat ein Mann Sex, weil er ein Arschloch ist. In den Filmen, die ich auf der Berlinale sehe, haben dauernd Männer aus irgendwelchen Gründen Sex. Warum Frauen Sex haben, wird verschwiegen. Dabei fände ich das viel interessanter.

Andererseits: Sex, schwieriges Thema. Wie leicht kann das danebengehen, spießig oder sonst wie peinlich wirken. Es kommt ja auch selten vor, dass ein Film für seine rundum gelungenen Sexszenen gelobt wird. Oft schreibt man dann, die Sexszenen seien wenigstens nicht peinlich gewesen. Interessantes Kriterium für Filmkritik: Dieser Film ist gut, weil er unpeinlichen Sex enthält.

Film, in dem ein Mann Sex hat, weil er ein Arschloch ist

Vielleicht also lieber was Unverfängliches? Beim letzten Mal schrieb ich über das Verhalten der Leute im Kino beim Abspann. Wie wäre es mal mit den Leuten, die mitten im Film das Kino entrüstet verlassen? Gestern saß ich in einem Off-Kino in Mitte. Es lief der Wettbewerbsfilm „Boris sans Béatrice“. Das ist der Film, in dem ein Mann Sex hat, weil er ein Arschloch ist.

Der Film war schlecht. Aber ganz nett war der Mann, der sich vorher neben mich setzte. Es waren nur noch Plätze in der ersten Reihe frei, er musste nach ganz außen. „Na, super“, sagte er, „mal wieder den miesesten Sitz im Kino erwischt. Aber hat auch seine Vorteile, man kann unbemerkt verschwinden, wenn der Film nichts taugt.“

Da muss schon viel passieren, dachte ich. Draußen ist es kalt, hier ist es warm. Warum früher rausgehen als nötig? Der Mann sagte, er würde das dauernd so machen. Er kaufe seine Karten komplett blind, ohne etwas über die Filme zu wissen. Er mache das seit Jahren so, die ganze Berlinale über. Sektion egal, Thema egal. Beim Wort „Thema“ dachte ich: Oh Gott, ich habe noch kein Thema für die Kolumne.

Ich wollte wissen, was er bisher denn schon gesehen habe. Nichts, meinte er fröhlich, er sei erst heute aus Dublin gekommen, wo er seine Tochter besucht habe. Schon dort habe er sich „die volle Ladung Kino“ gegeben. „The Revenant“ etwa. „Toller Film“, sagte er. „Wie da Leonardo DiCaprio fünf Minuten lang von einem Bären vergewaltigt wird und es sieht komplett echt aus. Super!“ Alle sind besessen von Sex, dachte ich, vielleicht sollte ich endlich mal was darüber schreiben.

Dann begann der Film. Es kam ein Hubschrauber darin vor. Ein Mann steht auf einer Wiese, vor ihm dieser Hubschrauber, das Gras wird zerzaust, der Mann schaut den Hubschrauber an. Sehr bedeutungsvoll. Der Regisseur wird danach vor das Publikum treten und sagen: Ja, das war eine Metapher. Aber ich weiß auch nicht, wofür. Er hätte das auch mit „Film“ statt „Metapher“ sagen können, das hätte genauso gut gepasst.

Mein neuer Freund aus Dublin ist da schon längst nicht mehr da. Er hat während des Films mehrfach laut aufgestöhnt, vor allem bei den Dialogen. Vielleicht hat er auch einen Bären vermisst, keine Ahnung. „Und tschüss“, hat er mir noch ins Ohr geraunt. Gutes Schlusswort für eine Kolumne eigentlich.