Kultur

Ein Riesenrad, große Liebeslieder und ein Wunder

Die Tindersticks bringen Frieden in die Volksbühne

Vor der Konzertkritik muss das raus: Die Frau (grüner Rock, Mitte links), die in der Volksbühne inmitten von auf dem Boden sitzenden Menschen stehen bleibt und damit mindestens 80 Leuten genau im Blickfeld steht und tanzt, diese Frau also, die trotz mehrmaliger freundlicher Aufforderung stehen bleibt und sich umdrehend den Satz ruft: „Ich habe auch bezahlt!“ – diese Frau also hätte beinahe mindestens einen Plastikbecher-Krieg auslöst. Dabei muss sie doch wissen, dass die Menschen hinter ihr „Game of Thrones“ gesehen haben und zu Fürchterlichem fähig sind.

Doch auch hinter der Bühne müssen sich Dramen abgespielt haben. Als nämlich der Tindersticks-Sänger Stuart A. Staples rund 70 Minuten zu spät auf die Bühne tritt, sagt er nur resignierend: „Hallo, Berlin, ihr habt keine Ahnung, was wir für einen Tag hinter uns haben.“ Damit war die Verspätung entschuldigt, und er beginnt mit dem grandiosen Titelsong des neuen Albums „The Waiting Room“. Darin immer wieder die Bitte: „Don’t let me suffer“ und „Make it quick boys“. Dazu werden David-Lynch-artige Szenen auf die Leinwand hinter ihnen geworfen, nachdenkliche, einsame Männer in Schwarz-Weiß, kalte Betongebäude, schlafende Frauen. Diese Filme sind perfekt abgestimmte „Bilder im Kopf“, untermalen die Musik großflächig.

Der Sänger hatte zuvor mehrere Regisseure gebeten, die elf Lieder des neuen Albums zu untermalen, darunter die Französin Claire Denis, für deren Film „Les Salauds“ die Tindersticks bereits den Soundtrack komponierten. Sie revanchierte sich mit einem Video zu „Help yourself“: Ein junger Schwarzer läuft durch einen Bahnhof, die Kamera sitzt in seinem Kopf, schaut ihm aus der Ferne zu, neutral: alle bedienen Automaten, sitzen, Leben in Transit. Die Bläser rufen dazwischen wie Zugsignale, und die Rassel treibt alles an. Kein Wunder, dass diese Aufführung im Rahmen der Berlinale stattfand.

Bei „We were once lovers?“ rast ein Auto durch eine Stadt, bei der schnelleren Nummer „We are dreamers!“ steht eine junge Frau auf einer Baustelle, und bei dem instrumentalen Stück „The Fear of Emptiness“ sitzt das Publikum in der ausverkauften Volksbühne in einem Riesenrad und sieht die Stadt, dann den Rummelplatz, dann wieder: Himmel.

Der Höhepunkt des Abends: „Hey Lucinda“. Auf dem Album ist es ein Duett über Abschied: Er fragt, ob sie mitkommt, trinken. „Unsere Zeit verrinnt“, singt Staples. Auf dem Album antwortet die Sängerin Lhasa de Sela, sie würde lieber zu Hause bleiben: „Ich tanze doch nur, um mich daran zu erinnern, wie sich Tanzen anfühlt.“ In der Volksbühne singt Staples den Dialog allein, Lhasa de Sela ist mit 37 Jahren an Krebs gestorben. Die Videobilder folgen einer Frau durch ein leeres Ausgehviertel. Und da passiert das Wunder: Die tanzende Frau im grünem Rock setzt sich. Szenenapplaus.