Kultur

Die Band der Stunde

Schwermütige Jungs: Isolation Berlin macht Musik für den urbanen Melancholiker

Die Jugendbewegung ist tot. Denn die Jugend, die bewegt sich nicht mehr, die muss sich auch gar nicht mehr bewegen. Denn Musik, die findet sie nicht mehr gemeinsam mit anderen in besetzten Häusern, in Fabrikhallen und U-Bahnschächten, sondern da, wo sie auch nach Dates und Pizza sucht – im Internet. „Es ist so schwer aufzustehen, wenn man einfach nicht mehr weiß, wofür“, singt Tobias Bamborschke. Er ist Ende zwanzig, schwermütig und gelernter Schauspieler. Das Lied heißt „Schlachtensee“, und seine Band, das ist die Band der Stunde, sie heißt: Isolation Berlin.

Auf dem Popkultur-Fesitval im Spätsommer 2015 waren sie der Tipp, die Empfehlung, die Show, die alle sehen wollten. Mussten. Vier Jungs. Tobi, Max, David und Simeon, alle weichgesichtig, alle hübsch, in Lederjacken und bunten Hemden. Bamborschke sang „Ich versinke in der Isolation Berlin ...“ in den müden Trockeneisnebel des Berghains hinein, und das Publikum hatte das gute, das seltene Gefühl, etwas Jetziges zu erleben. Endlich etwas, das tatsächlich „jetzt“ ist. Zeitgeist ist kein schönes Wort, aber es stand auf der Bühne.

Sie machen „Protopop“, sagen sie. Was immer das sein soll

Dabei macht Isolation Berlin eigentlich nichts Neues. Gesang, Gitarre, Bass, Drums. Ihre Texte erzählen von diesem jugendlichem Leichtsinn Melancholie, in dem man sich und all seine Gedanken und Gefühle bedauert. Dieses unsaubere, kantige Vermischen von Altbekanntem, wie dem wenigen Guten der Neuen Deutschen Welle und britischem Indie-Rock – so ein bisschen Malaria und ein bisschen Libertines – das ist sehr jetzt. Denn all diese Musik entdeckt man heute im Netz. Direkt nebeneinander. Neu und Alt. Im Stream ist immer alles nur einen Klick entfernt. Und: In jedem Genre gibt es doch was Gutes, sagt Bamborschke. So covern sie Nina Hagens „Fall in love mit mir“ und auch Joy Divisions „Isolation“. Aber sie klingen wie niemand anders. Sie machen „Protopop“, sagen sie. Das heißt nichts, das haben sie sich nur so ausgedacht. Falls mal jemand fragt. Falls die Presse ein Etikett braucht. Eine Szene oder andere Bands, damit das klar ist, die gibt es dazu wenigstens nicht.

Allein sein. Sich isolieren. Bamborschke ist gut darin. Er sagt, die ganze Band, die ist überhaupt nur entstanden, weil er sich getrennt hat. Nicht nur von seiner Freundin damals – ihr Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ ist ein Trennungsalbum, ein herrliches –, sondern auch von seinem kompletten Freundeskreis. Er sagt, als Mensch, und er sagt das sehr langsam, da geht man so viele unglückliche Beziehungen ein und führt die so weiter, einfach weil sie da sind. Er sagt, er wollte das so nicht. Trennte sich. Von allen. Er ist so der radikale, der intensive Typ. Als er dann eines Tages alleine durch Berlin streifte, kamen sie ihm, die Worte „Isolation Berlin“. Das dazugehörige Lied, war es ein Hit im Netz, bevor es überhaupt veröffentlich wurde.

Ihr Debütalbum erscheint so zusammen mit einer EP „Protopop“, auf der sie all die „alten“ Songs gesammelt haben. Bamborschke sagt, es ging ihm schlecht in den letzten Wochen und Monaten. Er war depressiv und brauchte ein Ventil. „Körper“ zum Beispiel entstand nach einem komischen Traum, der ihn nicht mehr losließ. Er stand auf und malte einen dicken Mann, der sich vollgefressen hatte, weil er durch das Essen was fühlen wollte, irgendwas, dann aber wurde es ihm zu viel, und er schlitzte sich selbst den Bauch auf. Er sagt, er hat das Bild in der Küche aufgehangen, in der WG-Küche im Prenzlauer Berg, da, wo sie fast alle wohnen. Aus dem Bild wurde ein Lied.

Seit 2013 gibt es die Band in der heutigen Besetzung. Ganz am Anfang waren noch zwei Frauen dabei, eine am Keyboard und eine am Schlagzeug, aber die hat man aussortiert. Die Jungs, sie sind Freunde. Ihre ersten Auftritte, sie erinnern sich, hatten sie in Moabit, oder? Sie sind sich nicht mehr sicher.

David Specht, er ist blond, er spielt Bass und trägt Brille, sagt, vor der Band, da habe er in einem Callcenter gearbeitet und bei einem Optiker. Letzteres sei eigentlich fantastisch gewesen. Den ganzen Tag beruflich Brillen aufprobieren können, das sei wirklich super gewesen. Tobias Bamborschke war vor der Band auf der Schauspielschule, hat ein paar Kurzfilme gedreht und dann hat er sich wieder isoliert. Er kommt aus Köln, wohnt aber in Berlin, seit er 13 ist. Seine Eltern sind beide Akademiker. Aber es ist, wie es heute nun mal ist. Da war keine Rebellion. Er sagt, seine Mutter, die ist eine ganz, ganz Liebe. Und von seinem Vater, da hat er das Interesse an Gedichten. Hermann Hesse. Else Lasker-Schüler. Mascha Kaléko.

Ihr seid toll, Jungs, will man ihnen zuraunen. Wirklich. Ihr könntet groß werden. Oder zumindest größer. Auch ganz ohne Szene und Bewegung und all das. Und sie sagen: Es geht ihnen gut jetzt. Sehr gut. Und das kann eigentlich nur bedeuten, dass ihr nächstes Album bereits schon nicht mehr so gut werden wird. Denn wem es gut geht, der experimentiert mit Synthesizern. Isolation Berlin aber, die sind genau jetzt. Und genau jetzt, muss man sie auch hören.

19.2. Isolation Berlin in der Feierhalle am Südstern, Lilienthalstr. 7