Wettbewerb

Was sich neckt, das liebt sich

„Quand on a 17 ans“: Schöne Landschaften, hübsche Jungs und ein milder Spannungsbogen

„Du hast zu wenig Vertrauen zu dir, zu den Anderen, zum Leben“, sagt die Mutter ziemlich am Ende des Films zu ihrem Sohn. Das ist ein gravitätischer Satz, ein Satz wie ein Vorschlaghammer. Aber wie so oft bei so feierlichen Aussagen ist er Unsinn. Damien (Kacey Mottet Klein) ist ein ehrgeiziger, schlauer Schüler und ein Junge, der sich den Problemen stellt.

Und Problem Nummer Eins ist nun einmal Mitschüler Thomas (Corentin Fila). Der Junge stellt ihm ein Bein in der Klasse, schubst ihn, ist insgesamt ein Ärgernis. „Quand on a 17 ans“ heißt dieser Wettbewerbsbeitrag, der französischer nicht sein könnte. Der Zuschauer begleitet die beiden Jungs durch ein ganzes Schuljahr im ländlichen Gebiet mit ­allen prächtigen Jahreszeiten. Im Winter gibt es ordentlich Schnee, im Sommer flirrt die Sonne, und der Himmel ist ­ultrablau, und im Frühling zieht Maman eines dieser schlichten, aber umwerfenden Pünktchenkleider an. Es gilt die alte Regel: Ein französischer Film erscheint auch stets wie ein Werbefilm für das eigene Land, als sei er von der Tourismusagentur gefördert.

Damien jedenfalls weiß sich zu wehren, geht zu seinem Onkel und lässt sich Lektionen im Nahkampf geben. Eine richtige Chance hat er trotzdem nicht, denn Thomas ist ein Junge vom Land, der seinen Eltern auf dem Bauernhof hilft, handwerklich geschickt ist und einen durchtrainierten Körper hat. Außerdem kann er fachgerecht Hühnern den Hals brechen (ein Moment, in dem der Städter kurz die Augen schließt).

Schade nur, dass all das keine Gebiete sind, die in der Schule als Fach angeboten werden, zudem beträgt sein Fahrweg hin und zurück jeden Tag drei Stunden, viel Zeit zum Lernen hat er nicht, seine Zensuren sind ungenügend. Oder wie Damien es ihm an der Tafel im Klassenraum zuraunt, als Thomas nicht eine Gleichung zweiten Grades zu lösen weiß: „Du bist noch blöder, als ich dachte.“

Die beiden würden sich wahrscheinlich noch ewig so weiter kabbeln, wenn Damiens Mutter (Sandrine Kiberlain) – imposante Nase, übergriffig, herzensgut – nicht eingreifen würde. Weil der Zweikampf zwischen den Jungs zu einem schulischen Problem geworden ist, beschließt sie resolut, dass doch Damien für eine Zeit bei ihnen wohnen sollte. Schließlich ist dessen Mutter schwanger geworden, und die Jungs könnten doch gemeinsam lernen. Eine Gutmenschen-Lösung.

Die ganze Geschichte hat einen milden Spannungsbogen, der auch nichts an Lieblichkeit verliert, als sich getreu dem Motto Was-sich-neckt-das-liebt-sich die beiden Jungs näherkommen. Damien macht Druck, Thomas ist verhalten und sucht eine Haltung zu dem gesamten Thema. Also genau weiß man das nicht, denn all das ist schön geschauspielert, die ganze Undurchschaubarkeit eines Jugendlichen verkörpert Thomas – was zur Hölle geht in seinem Kopf vor?

Was hätte man aus dem Stoff für einen kärglichen Problemfilm machen können: Mobbing in der Schule! Jungs in der Pubertät! Entdeckung der eigenen Homosexualität! Thomas wurde adoptiert! Später stirbt noch Damiens Vater als Soldat im Nahen Osten! Regisseur André Téchiné hat die fröhliche Version gewählt. Eine Version, die dem Leben vertraut.

Termine: Friedrichstadt-Palast,
heute, 15 Uhr; Zoo Palast 1, heute, 21 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 19.2., 9.30 Uhr,
Berlinale Palast, 21.2., 19.30