Kultur

Ein Basar, auf dem niemand schreit

Neben dem Festival gibt es noch ein Festival: Ein Besuch beim European Film Market

Publikum gibt es hier nicht. Auch keine Stars, Glamour schon gar nicht. Dies ist das Hinterzimmer der Berlinale, wenn es auch ein gigantisches und altehrwürdiges Hinterzimmer ist. Zum European Film Market im Martin-Gropius-Bau, kurz EFM, treffen sich 489 Aussteller, 8.628 Fachbesucher aus 100 Ländern, darunter 1.568 internationale Einkäufer. Dazu gibt es 1.014 Screenings von 748 Filmen. Alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der EFM ist eines der größten Treffen der Filmindustrie. Ein stiller Basar, auf dem niemand schreit, bloß dieses Murmeln zu hören ist, in zig Sprachen.

Kaufen, verkaufen, noch mal drüber nachdenken, Geld besorgen. „Great movie!“, hört man an jeder Ecke. Überall iPhones, iPads, Händeschütteln. Die Verleiher und Produktionsfirmen sind nach Ländern geordnet. Kleine Tische stehen bereit, auf einigen liegen eilig zurechtgeschnittene Blümchendecken. An den Wänden hängen Bildschirme, Kopfhörer liegen bereit. Manche Aussteller leisten sich den Luxus kleiner Bürokabinen mit Glastüren. An jedem Stand gibt es Prospekte, Kugelschreiber, Taschen, Bonbons, Schokolade, Erdnüsse, nur bei den Deutschen liegt das Obst. Plakate an jeder freien Fläche, auch von den Decken hängen sie, es gibt mehr Filme als Besucher.

Doch manchmal springt einem etwas entgegen, zum Beispiel das Plakat auf dem in großen, himmelblauen Buchstaben ein Name steht: Maradona. Darauf ein Porträt aus seinen jungen, besten Zeiten, darunter die Worte: Rebel. Hero. Hustler. God. Sehr klein, am unteren Rand: In Production. Im Frühjahr 2018 soll er fertig sein, der große Dokumentarfilm zu Diego Maradona.

Zum Affen machen für ein bisschen Aufmerksamkeit

Der Regisseur ist Asif Kapadia, der schon die Dokumentationen „Amy“ und „Senna“ machte. Zum ersten Mal hat der Filmemacher es jetzt mit einer lebenden Legende zu tun, und was für einer. Angeblich entsteht das Projekt mit der vollen Unterstützung Maradonas. Hier ist die Laune bestens. Ein Gespräch jagt das nächste.

Woanders müssen sich die Verkäufer und Produzenten zum Affen machen für ein bisschen Aufmerksamkeit. Da sitzt ein Mann mit rotgold glänzender Plastikkrone am weißen Tischchen. Das sieht aus wie das Jubiläum einer Mc-Donalds-Filiale, ist aber Werbung für den argentinischen Film „El Rey del Once“, der die Sektion Panorama eröffnet hat. Das Plakat zeigt den Hauptdarsteller mit ebendieser Krone am Steuer einer verbeulten Ente. Ich stehe etwas abseits und höre ihm beim Verkaufen zu. Wie einer so dämlich aussehen und dabei so seriös reden kann, verdient schon Respekt.

Ein paar Meter weiter krümmt sich ein Haufen kichernder Frauen vor einem Fotoautomaten. Das ist ein weltweites Phänomen, diese Fotoboxen mit kichernden Frauen. An diesem Ort aber ungewöhnlich, denn gekichert wird hier nirgends, allenfalls mal gelächelt. Man kann dort das eigene Bild hineinsetzen in das Plakatmotiv des französischen Films „One man and his cow“. Dann erhält man ein Foto mit sich und einer Kuh in der Hand, das ist sehr schlecht gemacht und auch gar nicht witzig, doch die Stimmung bei den französischen Ausstellern kann in diesem Jahr kein Schwachsinn trüben.

An neun von 23 Wettbewerbsfilmen ist Frankreich in diesem Jahr beteiligt, nirgendwo anders tummeln sich so viele Menschen, nirgendwo sonst geht es so laut, aufgedreht und hektisch zu wie in der französischen Ecke. Sie sind in der besten Position: Sie werben mit ihren Filmen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingen mag. Bei diesem Filmmarkt kann sich schnell das Gefühl einstellen, sich auf einer Tourismusmesse verirrt zu haben. Da werden keine Filme angeboten, sondern Länder. Auf einem Werbebanner steht: Like a movie. Like Bulgaria. Darunter gedruckt die hilflose deutsche Übersetzung: Wie im Film. Lass Dir Bulgarien gefallen. An einem anderen Stand bekomme ich einen Location Guide für die japanische Insel Okinawa. Ein exklusives Ferienparadies, das selbst für die Japaner zu teuer ist. Über 100 Seiten dick ist der Katalog, gefüllt mit den schönsten Strandbildern, das ersetzt jeden Reiseführer. Klar will man da drehen. Fehlt bloß noch die Idee und das Geld, so ist es ja immer. Wer es weniger hübsch hat, wirbt mit 30 Prozent Cash Rabatt, wie die Niederlande.

Ein langer Weg, bis man seinen Film im LKW zeigen darf

Im Martin-Gropius-Bau ist die Luft stickig von so viel Welt und Geschäft. Neben mir sinkt ein junger Filmstudent auf den Stuhl und fragt, ob ich in der Branche arbeite. Er hat einen Kurzfilm gedreht, den er hier verkaufen will, der Ausstellerkatalog in seinen Händen ist voller durchgestrichener Namen. An ihm klebt die Verzweiflung, an mir das Mitleid. So kommen wir nicht zusammen. In diesem Wahnsinn einen Kurzfilm verkaufen zu wollen, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen. Ich wünsche ihm Glück, von dem es hier nicht gerade wimmelt.

Draußen im Hof steht versteckt ein nagelneuer LKW. Darin ein Kino mit allem, was es braucht: Digitales Soundsystem, Leinwand, 3D-Projektion, 80 Plätze. Zutritt selbstverständlich nur für Produzenten und Verleiher. Hier lassen sich die neuesten Produktionen sehen und ich weiß, es ist ein langer, sehr langer Weg, bis man seinen Film in einem LKW zeigen darf. Entscheidend ist der Parkplatz.