Kultur

Forum Expanded: Kamele, Hygiene und ein Panzer

Seit zehn Jahren widmet sich die Berlinale-Sektion Forum Expanded den Schnittstellen zwischen Film und Bildender Kunst. Bei der Vernissage am Mittwoch feierten die internationalen Künstler, Experimental- und Dokumentarfilmer dieses Jubiläum und vor allem ihr Wiedersehen. „Traversing the Phantasm“ heißt die diesjährige Ausstellung – Durchlaufen des Phantasma.

Das sei jedem dringend empfohlen. Am besten lässt man sich dafür einen halben Tag Zeit. Insgesamt 12 Videoinstallationen und Filme werden gezeigt, sowie eine Audioinstallation, die allein schon den Besuch wert ist. „Pssst Leonard 2A7+“ von Natascha Sadr Haghighian umkreist den neuen Bunderwehr­panzer, der für Einsätze im Ortskampf entwickelt und von Katar bereits in großer Stückzahl geordert wurde. Zum Hören sitzt man auf einer riesigen Platte aus Legosteinen und kann seinen Kopfhörer an ganze 60 Tondokumente anstöpseln. Werbepräsentationen, Interviews, WM-Trailer für 2022, ein Paul- Kalkbrenner-Remix, Kamele in Katar.

Eine einzigartige Installation, die zwingend in diese Ausstellung gehört, die insgesamt ein ziemlich aufregender Ritt ist. Im ersten Raum läuft ein Video der indischen Künstlerin Pushpamala N., in dem sie ein medizinisches Gehirnmodell wäscht. „Hygiene“ heißt es und der erste Gedanke ist: Ich habe gar nicht gewusst, dass da so viel drin ist in einem Hirn. Dazu passend sieht man auf der gegenüberliegenden Wand den amerikanischen Dichter und Theoretiker Fred Moten nicht reden, sondern tanzen in einem Garten. Je weiter man eintaucht in die Ausstellung, desto ernster und größer werden die Themen.

Das Zerlegen von Streumunition in einer Demilitarisierungsanlage nahe Berlin, ein ehemaliger Kampfschauplatz der Hisbollah, der heute ein „Museum des Widerstands“ ist. Eine völlig schräge Neuauflage der Oper „Das Rote Frauenbatallion“ aus der Zeit der Kulturrevolution Chinas. Nicht wenigen Filme, vor allem den Dokumentationen, hätte man allerdings die Ruhe und Konzentration eines Kinosaals gewünscht. Unbedingt dazu gehört der einstündige Beitrag „The Refrain“ über die amerikanischen Militärbasen auf der japanischen Insel Okinawa und der südkoreanischen Insel Jeju, Soldaten zwischen Schnellimbissen, Tanzbars und Protesten der Friedensbewegung. Auch deswegen sollte man die Filmreihe des Forum Expanded nicht verpassen.

Dort gibt es unter anderem das neue Werk von Volker Sattel zu sehen, der mit seinem AKW-Film „Unter Kontrolle“ schon bei der Berlinale 2011 begeisterte. In „La Cupola“ porträtiert er jetzt das Haus von Regisseur Michelangelo Antonioni, eine Kuppel aus Beton und ohne tragende Wände, gelegen an der sardischen Küste und inzwischen zu einer verlassenen Utopie geworden.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten. Tel.: 200 57 20 00.
11.–22. Februar, 11 – 21 Uhr