Retrospektive

Als der Wind sich drehte

1966 – Das Schlüsseljahr des deutschen Films in Ost und West

Die Oscars gingen an „The Sound of Music“ und „Dr. Schiwago“. Auf der Berlinale gewann Roman Polanskis „Wenn Katelbach kommt“, Michelangelo Antonioni drehte „Blow Up“ – es gäbe Anlässe genug, dem Jahr 1966 eine schillernde Retrospektive zu widmen. Die Berlinale hat sich jedoch – ganz im Geiste ihrer gern beschworenen politischen Ausrichtung – für ein Thema entschieden, das zunächst eher akademisch klingt. Bei genauerem Hinsehen bietet „Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West“ aber durchaus große Unterhaltung und Stars: Man denke nur an die Naturgewalt Hannes Balla, den von Manfred Krug verkörperten Brigadeleiter in „Die Spur der Steine“. Und an Alexandra Kluge, die Hauptdarstellerin in „Abschied von Gestern“, dem Regiedebüt ihres Bruders Alexander. Dem schelmischen Gegenstück zu Jean-Paul Belmondos Gauner in Godards „Außer Atem“ verleiht die rasch wieder aus dem Scheinwerferlicht Verschwundene einen widerspenstigen Charme, dem man gerne häufiger im Kino begegnet wäre.

Doch auch jenseits solcher Reize: Das Programm aus über 50 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen, die 1966 in der BRD und der DDR gedreht, uraufgeführt oder zensiert wurden, ergibt eine der spannendsten Retrospektiven der letzten Berlinale-Jahre. Die Gründe hierfür gehen weit über rein filmische Aspekte und das Jahr 1966 hinaus. Literaturverfilmungen wie „Katz und Maus“ von Hansjürgen Pohland und originelle Gegenwartsfilme, wie die Debüts von Kluge und Peter Schamoni („Schonzeit für Füchse“) fuhren im Westen die erste große Ernte jener politisch-ästhetischen Saat ein, die vier Jahre zuvor im Oberhausener Manifest ausgebracht worden war. In ihm hatten 26 Unterzeichner „Papas Kino“ für tot erklärt, einen Gegenentwurf zum populären Heimatfilmkitsch skizziert und gezielte Subventionen für freie Produktionen gefordert. Leiter der Gruppe war der erst vergangene Woche verstorbene Haro Senft.

Zugegeben, auch das Schicksal von „Spur der Steine“ und der weiteren elf Filme, die im Rahmen eines Ende 1965 eingeleiteten allgemeinen kulturellen Kahlschlags in der DDR aus dem Verkehr gezogen wurden, ist mittlerweile ein filmhistorischer Gemeinplatz. Doch die gegenläufigen Bewegungen: Befreiung der Filmsprache hier, Verbot filmischer, vermeintlich „skeptizistischer“ Tendenzen dort, wurden noch nie so vielschichtig und umfassend gemeinsam lesbar gemacht wie in dieser Retrospektive. Nicht zuletzt weil sowohl das künstlerische Engagement auf der einen als auch die staatliche Anmaßung auf der anderen Seite auf die Überwindung der faschistischen Vergangenheit zielten, dränget sich hier die nach wie vor aktuellen Frage nach dem Verhältnis von Staat, Kunst und Gesellschaft geradezu zwingend auf.

Doch wer glaubt, über ihren historischen Hintergrund hinaus, hätten die „filmischen Perspektiven in Ost und West“ im Jahre fünf nach dem Mauerbau keine Berührungspunkte gehabt, dem sei „Wink vom Nachbarn – Bemerkungen zum Filmfestival Oberhausen 66“ empfohlen, ein Dokumentarfilm des DDR-Fernsehens von Harry Hornig. Übrigens: 1966 schwärmte die große Masse der deutschen Kinozuschauer für Indianerromantik: auf der einen Seite mit Pierre Brice in gleich zwei neuen „Winnetou“-Filmen. Auf der anderen Seite begann die fulminante Karriere des Gojko Mitić als Oglala-Häuptling Tokei-ihto in „Die Söhne der großen Bärin“. Diese Kassenschlager fehlen natürlich auf der Berlinale. Aber es kann nicht schaden, um sie zu wissen.