Kultur

Am Anfang war ein Schlafsack

Das Übernachten vorm Ticketschalter ist mühsam. Aber was tut man nicht alles, um den Stars nahe zu sein

Wenn man etwas wirklich will, dann muss man sich dafür anstrengen. Manchmal, und das ist eigentlich sehr lustig, bedeutet dieses Anstrengen aber auch einfach nur, dass man am richtigen Ort schläft. Manuel Tyx ist 28 Jahre alt. Er kommt aus Treptow. Er arbeitet als kaufmännischer Angestellter, sagt er. Er studiert auch noch. Politik, Verwaltung und Soziales. Man kann also sagen, Manuel Tyx hat viel zu tun. Zur Zeit aber hat er noch mehr zu tun, denn er kann gerade nicht zu Hause schlafen, weil er Filme liebt, genauer noch, weil er die Berlinale liebt und mit ihr die Premieren. Die Tickets, es ist kein Geheimnis, sind heiß begehrt. An die Onlinebestellung, sagt Tyx, da glaubt er nicht. Da bricht doch nur wieder der Server zusammen. Nein, nein, das Risiko ist zu groß. Er will dabei sein, wenn George Clooney und Tilda Swinton über den roten Teppich der „Hail, Caesar“-Premiere schreiten, mehr noch, er will sie sehen, vor der Leinwand, am besten von einem Sitz im Parkett aus, ganz nah dran an Film und Star. Das ist glamourös, sagt er. Und so schläft er Nacht für Nacht in den Potsdamer Platz Arkaden, auf dem roten Flur, zwischen H&M und Mandarina Duck, direkt vor dem Ticketschalter.

Die Camper kommen am frühen Abend in die Arkaden

Seit sechs Jahren macht er das. Immer wieder zur Berlinale. 2010 gelang ihm zum ersten Mal der perfekte Deal. Bei der Weltpremiere von „Shutter Island“ saß er ganz unten, nah an Leinwand und Leonardo DiCaprio. Er sagt, jedes Jahr vor dem Ticketschalter trifft man immer wieder die gleichen Leute. Mal seien es drei, mal mehr, fünf oder sechs. Wer hier schläft, der zeigt Einsatz. Die Camper kommen am frühen Abend in die Arkaden mit ihren großen Taschen, stellen sich vor den Ticketschalter, und markieren so ihr Revier – stehend. Sie warten auf Kassenschluss, warten bis Verkäufer und Kunden, die Halle verlassen haben, dann, so geht das stille Abkommen, bauen sie ihr Lager auf den roten Teppich. Sie legen eine Isomatte darüber und noch ein paar flauschige Decken und – das Kernstück – den Schlafsack. Einmal Probeliegen. Es liegt sich bequem. Warm. Angenehmer eigentlich als jedes Zelten im Freien. Da sind keine Wurzeln unter dem Rücken, und es krabbelt auch kein kleinster Krabbler. Unangenehm ist nur die Vorstellung: Schutz fehlt hier komplett. Die Arkaden sind die ganze Nacht offen. Jeder kann dich beim Schlafen sehen, fotografieren, anfassen.

Tyx, der Profi, schüttelt den Kopf. Er sagt, dafür gibt es den Schlafsack. Den zieht man oben über dem Kopf zu. Nicht umsonst heißt der ja auch Mumienschlafsack. So komplett einbalsamiert im Schlafzeug liegt man dann unerkannt. Und nicht im Pyjama, Tyx lacht, nein, sondern in Straßenbekleidung auf dem Boden. Er trägt Hemd unter Pullunder. Die Haare ordentlich zurückgekämmt. Es ist neun Uhr morgens. Tyx sagt, er war schon kurz im Waschraum der Arkaden, hat sich frisch gemacht. Noch eine Stunde bis zur Schalteröffnung. Er wirkt ausgeschlafen. Unter der Woche, sagt er, schläft man in den Arkaden meist unbehelligt. Seine Mitstreiter, zwei Frauen, ein Mann, die nicken. Nur die Wochenenden sind meistens nicht so ruhig, sagt Tyx. Da kommen bis spät in die Nacht noch die Party- und Bargänger vorbei. Das Nachtleben hat das so an sich, manchmal sind sie betrunken und dann übermütig. Legen sich zu den Ticketcampern dazu. Das kann mal unangenehm werden. Aber Tyx sagt, passiert sei hier noch niemanden was.

Ist es ihm schon mal passiert, dass er trotz des Campens kein Ticket bekommen hat? Ja, er nickt, das passiert. Zu dem professionellen Ticket-Erschlafen gehört deswegen eben auch immer eine gute Vorbereitung: Ein Plan B, falls der Wunschfilm schon ausverkauft ist, denn sonst, war die Nacht umsonst. 2014 wollte er Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“ sehen. Das hat nicht geklappt. Der Film gewann den Silbernen Bären, er konnte ihn später regulär im Kino sehen.

Zum Schlafen kommt man in den Arkaden erst gegen Mitternacht. Vorher gehen die Camper häufig noch in eine Bar. Gucken den Super Bowl oder den DFB Pokal. Einer von ihnen bewacht unterdessen die Schlafsäcke. Man ist kollegial. Tyx sagt, es ist lustig, in der Nacht, da schläft man mit drei Leuten ein, und am nächsten Morgen, wenn man vom Brummen der Staubsauger und dem Surren der Reinigungsfahrzeuge geweckt wird, um fünf, um halb sechs, da wacht man auf, und zu seinem Fußende stehen schon 50 Mann. Manche sitzen auf dem Boden, manche in Campingstühlen. Bis zehn Uhr, dann macht der Schalter auf, wird die Schlange immer länger. Tyx sagt, in der ersten Nacht kommen immer die meisten Leute. Er kann schlecht schätzen, aber 400 Leute? 500 Leute? Es hat seinen guten Grund, nach der ersten Nacht gibt es die Tickets für den Eröffnungsfilm. Dieses Jahr machen die Coen-Brüder den Anfang. „Hail, Ceasar“ eben, den wollen natürlich alle sehen.

Tyx hat die Tickets. Klar. Bevor er zur Arbeit geht, wird er seine Tasche mit den Schlafsachen in einem Spint in den Arkaden einschließen, nach der Arbeit „Hail, Cesear“ schauen, George Clooney sehen, sich zu Hause waschen, essen und umziehen und dann zurückfahren, um wieder vor dem Ticketschalter zu schlafen. Die unedle Schlafsituation nimmt er für die edle Premierensituation gern in Kauf.