Konzert

Deichkind - die professionellsten Partymacher Deutschlands

Deichkind in der Max-Schmeling-Halle: Kein Song ohne Spektakel – mehr Aufwand kann man für ein Konzert eigentlich kaum betreiben.

Deichkind bei ihrem Konzert in der Max-Schmeling-Halle

Deichkind bei ihrem Konzert in der Max-Schmeling-Halle

Foto: DAVIDS

Es ist immer wieder faszinierend, wie Deichkind die unterschiedlichsten Menschen auf ihren Konzerten zusammenbringt. Männer, Frauen, Junge, Alte, Vertreter verschiedenster Subkulturen, und solche denen man ansieht, dass sie vieles mögen, aber für nichts brennen, haben am Mittwochabend einmal mehr die Max-Schmeling-Halle ausverkauft, um das verrückte Elektro-Rap-Kollektiv aus Hamburg einträchtig zu feiern.

Auch viele Eltern und Kinder sind im Publikum, wobei man wirklich nicht sagen kann, wer heute Abend wen mitgeschleppt hat.

Pünktlich um halb neun baut sich das ausgeflippte Schauorchester mit blinkenden Dreieckshüten vor den acht zentralen fahrbaren Bühnenelementen auf, sogenannten „Omnipods“, für die ihr DJ und Bühnenarchitekt Henning Besser aka „DJ Phono“ mittlerweile ein Patent besitzt.

Zwischen „Holiday on Ice“ und Stadion-Rave

Deichkind sind vermutlich die professionellsten Partymacher Deutschlands und wie immer wird auch an diesem Abend zu jedem Song ein anderes Spektakel aufgeführt. Bei „Bück dich hoch“ vollführen die sieben Mitglieder der aktuellen Besetzung eine Choreographie auf Bürostühlen, bei „Porzellan & Elefanten“ gibt es Regenschirmballett, den Text von „Denken sie groß“ illustrieren Kopfbedeckungen, die wie riesige aufgeblähte rosa Gehirne aussehen.

„Ein bisschen Größenwahnsinn kann nicht schaden“ bringt der Text das Prinzip auf den Punkt: mehr Aufwand kann man für ein Konzert eigentlich kaum betreiben.

Deichkind haben eine Nische gefunden und ausgebaut. Früher machten sie deutschen HipHop für Abiturienten, heute haben sie sich irgendwo zwischen „Holiday on Ice“ und Stadion-Rave eingependelt. Man kann hervorragend die Sau rauslassen zum Laserkanonenfeuer, den harten Elektrobeats und den sloganhaften Texten, für die jede jetzig-fetzige Werbeagentur töten würde („Leider Geil“, „Like Mich Am Arsch“). Man kann sich die Show aber auch wie ein überkandideltes dadaistisches Musical ansehen, bei dem in die Jahre gekommene Rapper versuchen, jede noch so blöde Schnapsidee mit dem größtmöglichen technischen Aufwand in die Tat umzusetzen.

Luftschlangen, Konfetti und Bonbons werfen

Die besondere Showelemente des heutigen Abends: Ein Bad in der Menge im Strahlenanzug. Crowdsurfen im Schlauchboot. Rumkugeln in Ganzkörperballons. Rundreise im Riesenfass. Dazu in rauen Mengen: Lichter, Laser und Sirenen. Alles Dinge, die man natürlich kennt, wenn man Deichkind schon einmal live erlebt hat, was nicht schwer ist, da die Band seit Jahren von Festivals als Allzweckwaffe eingesetzt wird.

Was aber gerade jetzt in dieser Jahreszeit auffällt, ist, wie viele karnevaleske Elemente die durchschnittliche Deichkind-Sause doch beinhaltet. Da werden Luftschlangen, Konfetti und Bonbons geworfen und sogar eine Polonaise in die wogende Masse unternommen, was in einer Mehrzweckhalle dieser Größe durchaus auch einen Hauch von Tristesse versprühen kann.

Zum Glück verfügen Deichkind über ein krachendes, basslastiges Repertoire, bei dem live jeder Song zündet und die Wirkung nie verfehlt wird. Bereits nach der Hälfte des zweistündigen Konzerts ist die Menge maximal aufgepeitscht, so dass die Zugabe nicht nur herbeigegröhlt, sondern auch durch lautes Eindreschen auf die Absperrungen eingefordert wird.

Die im Klima von St.Pauli sozialisierte Formation, die am Montag noch ein Gratiskonzert in Dresden „gegen Rassismus, Sexismus und Hass“ gegeben hatte, verzichtet heute auf politische Statements und beendet ihr Konzert stattdessen mit den Sauf-und Abrisshymnen „Prost“, „Limit“ und „Remmindemmi“ - ein irres Finale, bei dem alle Requisiten noch einmal auf die Bühne geholt werden und man sich fühlt, als hätte man in einer Toys „R“ Us Filiale zuviel LSD genommen.

Gehirne springen auf Trampolinen. Ein Kinderpool schießt wie aus einem Vulkan Konfetti, während eine Hüpfburg mit Schlagseite alles zu verschlingen droht. Die ganze Bühne flirrt und dreht sich um die in der Mitte stehende Deichkind-Truppe, die sich jetzt wie ein professionelles Schauspielerensemble an den Händen vor der tobenden Menge verbeugt. Man wünscht sich wirklich, sie würden mal ein echtes Musical mit zusammenhängender Handlung schreiben. Oder gleich eine Oper.