Kultur

Lesen, schreiben und – dann singen

Jochen Distelmeyer, Ex-Sänger von Blumfeld, legt nach seinem Roman nun seine zweite Platte vor

„Songs From The Bottom Vol.1“ ist es also betitelt, das stilsicher und wunderhübsch country-akustische zweite Album von Jochen Distelmeyer. Der Ex-Blumfeld-Kopf, der nun auch 48 Jahre alt, aber unverändert langbehaart ist und sich nach seinem Solodebüt „Heavy“ aus dem Jahre 2009 genüsslich Zeit ließ mit dem kreativen Schaffen und mit diesen Cover-Songs aus unterschiedlichen Epochen und Genres. Denkt man. War aber gar nicht so, wie ein jahreszeittypisch verschnupfter Jochen Distelmeyer beim Interview in Berlin betont.

Berliner Morgenpost: Wie intensiv haben Sie sich mit den Originalinterpreten auseinandergesetzt, bevor Sie ihre Lieder gecovert haben?

Jochen Distelmeyer: Kaum. Mir ging es vor allem um die Songs. Ihre Wirkung auf mich. Man muss nicht über alle Hintergründe Bescheid wissen. Wenn ein Song mich anspricht, besser noch: mich umhaut, dann höre ich den sehr oft, mache mir meine Gedanken und spiele ihn auf meine eigene Art. Denn darum geht es ja, um den persönlichen Ansatz. Darum, die Lieder so zu singen, als seien es die eigenen.

Es gibt Stücke, die sind nah am Original, „Video Games“ von Lana Del Rey zum Beispiel.

Ein wirklich großes Stück Popmusik, perfekt gemacht, auch wenn es schon ziemlich reißbrettmäßig daherkommt. Lana Del Rey tauchte zum richtigen Zeitpunkt auf, um nach dem Tod von Amy Winehouse die vakante Stelle der verruchten Soulsängerin auszufüllen. Der Song steht für mich in einer Tradition von Girlgroups wie den „Ronettes“ oder „Shangrilas“. Der Gesang erinnerte mich an Stevie Nicks und Belinda Carlisle.

Ist es ein Unterschied, ob man ein Lied von einer Frau oder von einem Mann covert?

Für mich nicht. Ich singe die Sachen immer als der Typ, der ich bin und kann mich mit allen Songs identifizieren. Ich muß dazu nicht in eine weibliche Perspektive schlüpfen. Klar, ich bin ein männlicher Sänger, aber das, worum es in den Songs geht, ist geschlechterübergreifend. Es ist ja sowieso spannend, wie in „Video Games“ mit der Verunsicherung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit gespielt wird. Der Song scheint eine Antwort anzubieten, nämlich einen Rückgriff auf das Rollenverständnis der 50er-Jahre, und das mit so einem Augenzwinkern. Was schwingt da mit, wenn ich das als Kerl singe? Diese Frage hat mich gereizt.

War es ungewohnt, Songs von anderen zu singen, und dann auch noch auf Englisch?

Nein. Ich habe sowohl solo als auch mit Blumfeld immer wieder mal Coverversionen live gespielt und auch auf B-Seiten veröffentlicht. Die neue Erfahrung ist, ein ganzes Album nur mit englischsprachigen Songs aufzunehmen und damit auf Tour zu gehen.

Alle Welt singt inzwischen auf Deutsch, Distelmeyer singt auf Englisch?

Warum nicht? Gerade in einer Phase, in der es eine große Vielfalt an deutschsprachigen Popkünstlern gibt, fand ich das ganz reizvoll und witzig.

Seit Ihrem Solodebüt „Heavy“ sind sechs Jahre vergangen. Haben Sie mal ein bisschen das Leben genossen?

Tatsächlich habe ich mich weder rar gemacht, noch war ich verschwunden. Sondern habe durchgängig gearbeitet. 2010 schon habe ich mit der Arbeit an einer neuen Platte begonnen und wollte bei einigen Stücken das Thema der Odyssee einfließen lassen. Irgendwann aber habe ich gemerkt, dass der Stoff immer ausufernder und umfangreicher wurde. Das war zu viel für ein Album, und als Lösung fiel mir dann ein, einen Roman zu schreiben.

Das vor einem Jahr erschienene Romandebüt „Otis“, das von den Irrungen und Wirrungen eines jungen, modernen Großstädters handelt, sollte also ursprünglich ein Album werden?

Genau. Bei einem Spaziergang flogen mir die ersten Seiten des Romans quasi zu. Anfangs hielt ich das noch für einen Spokenword-Text für mein Album. Wieder zu Hause entschied ich mich daraus einen Roman zu entwickeln. Ich habe dann zweieinhalb Jahre an dem Buch, an den Irrungen eines Wanderers, an meinem Schelmenroman gearbeitet.

Wollen Sie eigentlich noch weitere Romane schreiben?

Klar, warum nicht? Mir hat das ziemlich gut gefallen. Doch jetzt ist die Musik wieder das Zentrum, die habe ich schon auch vermisst in der Zeit.

Was ist „Songs From The Bottom Vol.1“ überhaupt – ein Übergangsalbum zwischen Buch und nächster Soloplatte?

Das ist schon mehr. Ein richtiges Album. Auch eine Wegmarkierung. Die Idee für „Songs From The Bottom“ kam aber in der Tat während meiner Lesereise mit „Otis“. Ich spielte, ganz schlicht an der Akustikgitarre, das eine oder andere Lied, das zu der Odysseus-Thematik passte, wie „I read a lot“ von Nick Lowe, „Toxic“ oder auch „Pyramid Song“ von Radiohead. Die Leute sprachen mich an, ob es diese Stücke nicht zu kaufen gäbe, und so entschloss ich mich, dieses Album anzugehen.

Album „Songs From The Bottom – Vol.1“, 17,99 Euro. Tour: 11. Mai, 20 Uhr, BiNuum im U-Bhf Schlesisches Tor