Theater

Ein bisschen Gerechtigkeit, ein bisschen Rache

Der Berliner Regisseur Niklas Ritter inszeniert Dürrenmatts Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ in Potsdam. Der Mord wird besungen

Der Zukunft zugewandt: Alfred Ill (Peter Pagel, M.) ist tot, Claire Zachanassian (Rita Feldmeier, o.) spendet eine Milliarde für Güllen: Florian Schmidtke, Meike Finck, Wolfgang Vogler, Mara Sichrovsky, Franziska Melzer, Jon-Kaare Koppe, Alexander Finkenwirth (v.l.)

Der Zukunft zugewandt: Alfred Ill (Peter Pagel, M.) ist tot, Claire Zachanassian (Rita Feldmeier, o.) spendet eine Milliarde für Güllen: Florian Schmidtke, Meike Finck, Wolfgang Vogler, Mara Sichrovsky, Franziska Melzer, Jon-Kaare Koppe, Alexander Finkenwirth (v.l.)

Foto: HL BOEHME

Claire Zachanassian nennt es Gerechtigkeit. Für andere ist es Rache. Sie kann es sich leisten: Die reichste Frau der Welt kommt nach Jahrzehnten zurück in ihre Heimatstadt. Die liegt wirtschaftlich am Boden, die großen Betriebe sind längst geschlossen, die Bevölkerung besingt ihre Armut und rechtfertig damit ihre Tat. Claire Zachanassian ist die letzte Hoffnung. Sie soll ihre Heimatstadt finanziell unterstützen. Die Milliadärin ist nicht abgeneigt, aber ihre vermeintlich gute Tat hat ihren Preis.

Weil sie als junge Frau aus der Stadt gejagt wurde – das uneheliche Kind musste sie zurücklassen, es starb kurze Zeit später –, sinnt sie jetzt auf Wiedergutmachung im alttestamentarischem Stil: Sie will das Leben von Alfred Ill, dem damaligen Geliebten und Kindsvater, der mit zwei gekauften Zeugen die Vaterschaftsklage vor Gericht abschmettern konnte. Claire Zachanassian bietet jetzt eine Milliarde für den Kopf von Alfred Ill.

Die Empörung auf dieses unmoralische Angebot ist unter Güllens Bürgern groß. Am Anfang. Sie erliegen den süßen Verlockungen des Geldes, kaufen sich neue Schuhe und Kleider, trinken teuren Schnaps und fahren schnelle Autos. Irgendwie wird sich das Problem schon lösen, ohne dass sich jemand die Finger schmutzig machen muss. Ein Irrglaube. Das ist der Stoff, aus dem Friedrich Dürrenmatt den „Besuch der alten Dame“ gestrickt hat.

1956 war die Uraufführung am Schauspielhaus Zürich, für den Schweizer Autor der internationale Durchbruch als Dramatiker. Das Stück wurde auch verfilmt, mittlerweile ist es ein moderner Klassiker. Am Potsdamer Hans Otto Theater hat jetzt der Berliner Regisseur Niklas Ritter die „tragische Komödie“ inszeniert.

Und er nimmt diese Charakterisierung beim Wort. Lässt die Bürger immer wieder mal als eine Art antiker Chor auftreten. Es wird gerappt (na ja, die Idee war gut), ein Choral und ein Requiem angestimmt (es reimt sich auf Bach und Brahms – beides sehr lustig) und zum Schluss, wenn Alfred Ill mit blutigem Haupt niedersinkt, singen die Neureichen ein Armut-ade-Wohlstand-willkommen-Lied.

Bühnenbildnerin Alissa Kohlbusch hat die Güllener in Wohnlöcher verbannt, oben auf der Empore wartet die Milliardärin auf den unabänderlichen Gang der Dinge. Rita Feldmeier ist als Claire Zachanassian ein kühl-berechnender Rache-Engel. Peter Pagel als ihr Opfer Alfred Ill bleibt etwas blass. Florian Schmidtke spielt den Lehrer, der seine Bedenken in Alkohol ertränkt, Jon-Kaare Koppe den Bürgermeister, der den rechtsstaatlichen Schein wahren will. Jan Kersjes, der die Musik komponiert hat und als Ein-Mann-Orchester live für die Geräusche sorgt, übernimmt auch die Rollen von Koby und Toby, zwei der zahlreichen Ex-Männer von Claire, und bekommt Extraapplaus als Journalist – bei Regisseur Ritter wird diese Szene zu einer hübschen Privatsender-Livereportagen-Parodie.

Ein bisschen sitcommäßig ist der zweieinhalbstündige Abend, leider auch ein bisschen betulich, das Erzähltempo erinnert an die Entstehungszeit des Stücks. Das Thema freilich, das ist zeitlos.

Hans Otto Theater, Schiffbauergasse 11, Potsdam. Termine: 13., 14. und 24. Februar, 9., 12., 17. und 20. März. Karten: 0331/98 118.