Musik

Barenboim: In Deutschland kommen wieder Schatten hervor

Staatsopernchef Daniel Barenboim spricht über die Japan-Tournee, die Flüchtlingskrise und die derzeitige Stimmung in Deutschland.

Foto: Marcelo Hernandez

Daniel Barenboim bereitet in Japan mit der Staatskapelle seinen großen Bruckner-Zyklus vor, der beginnt am Dienstag in der Suntory Hall in Tokio. Unser Gespräch findet spätabends im Schnellzug Shinkansen statt, es geht von einem bejubelten Konzert in Nagoya zurück nach Tokio. Trotz der Anstrengung wirkt der Dirigent gut gelaunt. Für den Berliner Staatsopernchef ist diese 16. Japan-Tournee zugleich ein Jubiläum: Seit 50 Jahren ist Barenboim in Fernost unterwegs.

Berliner Morgenpost: Herr Barenboim, was hat sich aus Ihrer Sicht in den Jahrzehnten am meisten verändert?

Daniel Barenboim: Das Land ist für einen Nichtjapaner heute viel zugänglicher. Damals gab es keine Straßennamen mit lateinischen Buchstaben. Man fühlte sich total verloren. Aber das Publikum ist nach wie vor einmalig in seiner Konzentriertheit. Ich glaube, das hat etwas mit seiner Religion und der ganzen Meditation zu tun. Konzerte in Japan sind für Künstler sehr wohltuend.

Es ist der erste Bruckner-Zyklus in Japan. Soll der Zyklus ein bestimmtes Bild transportieren oder mit irgendeinem Klischee aufräumen?

Jeder weiß, dass sich Beethoven mit jeder Sinfonie neu erfunden hat. Die Fünfte und die nachfolgende „Pastorale“ könnten von zwei Komponisten stammen. Bei Bruckner erwartet man immer das Gleiche: Die Sinfonien sind lang, feierlich, mit viel Tremolo in den Streichern, ein bisschen katholisch.

Und ein bisschen depressiv.

Ja, auch das. Aber Bruckner hat schon eine andere Sprache für jede Sinfonie gefunden. Bei ihm hat man das Gefühl, eine lange Strecke durch die Musikgeschichte zu durchwandern. Die musikalische Sprache ist das 19. Jahrhundert, fast Wagner. Die Struktur ist barock, also 18. Jahrhundert. Und von der Stimmung her klingt vieles wie aus dem Mittelalter. Es ist, als ob die Zeit stehen bleibt. Ich finde das spannend.

In Berlin steht für Sie demnächst eine Reihe von Eröffnungen bevor. In diesem Jahr wird die Barenboim-Said Akademie eingeweiht, im Herbst 2017 soll die aufwendig sanierte Staatsoper Unter den Linden wiedereröffnet werden.

Vergessen wir nicht den Boulez-Saal, ein Saal mit fast 700 Plätzen, der im März 2017 eröffnet wird. Die Akademie hat ja bereits ihren Lehrbetrieb aufgenommen, aber im Oktober beziehen wir das neue Gebäude.

Wie weit werden die Staatsoper, deren Musikchef Sie sind, und die auf der Rückseite befindliche Akademie, in der Sie junge Musiker aus dem Nahen Osten ausbilden, zusammenarbeiten?

Das sind zwei völlig unabhängige Institutionen, aber es gibt Musiker der Staatskapelle, die in der Akademie unterrichten. Umgekehrt werden Studenten bei Proben zuhören. Und sicherlich werden Musiker der Kapelle in die Kantine kommen. In der Akademie wird es eine Küche aus dem Nahen Osten geben, die Studenten sollen sich schon etwas zu Hause fühlen.

Wie oft besuchen Sie eigentlich die beiden Baustellen?

Nicht so oft. Wenn ich gucke, dann geht es mir immer nicht schnell genug.

Wie weit stehen Ihre Planungen für den neuen Boulez-Saal innerhalb der Akademie?

Wir eröffnen im März 2017, und ich habe die ersten vier Monate als Festival geplant. Demnächst präsentieren wir den Intendanten und das Programm. Zur Eröffnung wird sich auch ein neues Ensemble vorstellen, das Boulez-Ensemble. Das wird hauptsächlich aus Musikern der Staatskapelle und des West-Eastern Divan Orchestra bestehen. Ich hatte noch die Gelegenheit, mit Pierre Boulez vor seinem Tod darüber zu sprechen. Ich wollte seine Meinung hören, denn ich will keine Kopie seines Ensemble intercontemporain machen. Ich habe damals in seinem ersten Konzert gespielt, damals war es wichtig, radikal zu sein, aber heute kann es nicht nur um zeitgenössische Musik gehen. In unseren Programmen soll es jeweils ein klassisches, ein zeitgenössisches und ein Stück des 20. Jahrhunderts geben.

Was wird künftig Ihre Position in der Akademie sein?

Was soll ich dazu sagen. Ich brauche keinen Titel, oder?

In Berlin sind Sie inzwischen der dienstälteste Chefdirigent. Es gibt gerade eine Wechselzeit, gleich vier neue Dirigenten übernehmen Orchester in der Stadt. Was ist besser, regelmäßig sein Orchester zu wechseln oder es möglichst lange zu leiten?

Ein Dirigent, der lange bleibt, muss die Fähigkeit haben, immer wenn er das gleiche Stück dirigiert, alles neu zu denken. Es gibt Dirigenten, die besser als Gäste kommen. Andere, wozu ich gehöre, musizieren lieber mit ihrem eigenen Orchester. Ich habe glücklicherweise ein Orchester, dass wirklich neugierig und offen ist. Aber man muss schon vorsichtig sein, dass man sich nicht wiederholt. Wenn man spürt, dass alles zur Routine wird, dann muss man gehen.

Wenn die Staatsoper wiedereröffnet und der Boulez-Saal eingeweiht wird, dann entsteht in Berlins Mitte auch ein riesiges Konzertzentrum. Wie soll das aussehen?

Bislang spielt die Staatskapelle einmal in der Philharmonie und einmal im Konzerthaus, also einmal im Westen und einmal im Osten. Berlin ist seit 1990 zusammengewachsen, aber das heißt ja nicht, dass alles gleich sein muss. Fragen Sie einen Franzosen danach, was ist spezifisch Paris? Dann hören sie Eiffelturm oder Louvre. Ein Münchner antwortet vielleicht Nationaltheater und Oktoberfest. Wenn man in Berlin fragt, kommt immer eine Antwort wie: Im ehemaligen Osten dies und jenes, im früheren Westen das und das. Wenn etwas über Jahre und Jahrzehnte friedlich gewachsen ist, muss man jetzt nicht dagegen ankämpfen. Ich denke, wir werden auch künftig ein Konzert in der Philharmonie und eines im Osten geben.

Und das Konzerthaus wird zur Konkurrenz?

Überhaupt nicht. Ich glaube nicht an Konkurrenz, sondern an Vielfalt. Wer die Konkurrenz beschwört, macht alles kleiner, Vielfalt dagegen bedeutet Stolz. Als ich nach Berlin kam, waren die Leute stolz darauf, dass sie an der Staatsoper Wagners „Ring“ von Harry Kupfer und mir und an der Deutschen Oper den von Götz Friedrich sehen konnten. Welche Stadt kann das sonst leisten?

Der Hauptstadtkulturvertrag des Bundes mit dem Land Berlin läuft nach zehn Jahren aus und wird gerade neu verhandelt. Wollen Sie immer noch, dass die Staatsoper zum Bund kommt?

Zu dem Thema müssen Sie Herrn Schäuble befragen. Ich glaube nicht, dass es passiert, weil Deutschland sehr föderalistisch ist. Aber ich fände es gut, vorausgesetzt, dass die Gelder, die Berlin dadurch einspart, in die anderen Opernhäuser und Orchester fließen. Eine Musikhauptstadt wie Berlin hat es verdient. Ich will niemandem wehtun, der Wechsel muss für die Kultur der Stadt Sinn machen. Was ich keinesfalls möchte, ist, dass wir sagen, wir wollen raus aus der Opernstiftung und hin zum Bund und mehr Geld haben. Das Ganze geht sowieso nur, wenn der Bund großzügig mit Geld reingeht.

Die Opernstiftung war vor zehn Jahren doch nur gegründet worden, um die drei Berliner Opernhäuser in einer finanziellen Krisenphase zu sichern.

Die Gründung war richtig. Aber ich selber habe mit der Stiftung nichts zu tun, weshalb ich keine richtige Meinung dazu habe. Ich höre andere immer sagen, dass eine bestimmte Zusammenarbeit wie beim Magazin positive Effekte hat. Das künstlerische Profil und Niveau eines Opernhauses wird aber nicht durch Programmideen und Zahlen auf dem Papier geprägt, sondern dadurch, wie es am Abend klingt und aussieht. Mir geht es um die Künstler, die man mit der Staatsoper verbindet.

In Deutschland herrschen gerade angesichts der Flüchtlingssituation viel Angst und Ratlosigkeit. Was denken Sie darüber?

Ich und meine Familie machen uns Sorgen. Ich kann in Deutschland leben, dazu konnte ich mich als Jude entscheiden, auch weil ich das Gefühl hatte, dass sich Deutschland als Nation mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hat wie kein anderes Land der Welt. Jetzt kommen wieder Schatten hervor. Es offenbaren sich hässliche Dinge in der Einstellung, wie man mit Ausländern, Fremden, Flüchtlingen umgeht.

Was läuft politisch falsch?

Es ist nicht richtig, dass alles nur auf deutsche oder europäische Schultern gelegt wird. Es ist auch nicht richtig, dass die arabischen Länder nichts tun. Und ich denke etwa an mein Geburtsland Argentinien. Wir haben dort drei große syrische Gemeinden, eine christliche, eine muslimische und eine jüdische, und alle leben friedlich miteinander. Meine große Hoffnung ist, dass die neue Regierung in Argentinien etwas macht. Ich habe auch mit dem neuen Präsidenten darüber gesprochen. Es wäre auch für Argentinien gut, wenn sie sich auf diese Weise in der Familie der Weltstaaten zurückmelden. 30.000 Flüchtlinge können sie aufnehmen.

An Argentinien würden wir hierzulande nicht zuerst denken.

Argentinien hat eine wichtige Rolle fürs jüdische Volk gespielt. Meine Großeltern und auch die mütterlicherseits von Martha Argerich sind Ende des 19. Jahrhunderts aus Russland gekommen. Es gab den französischen Baron Hirsch, der hatte Land in Argentinien gekauft und damit vielen Juden das Leben gerettet. Argentinien hat eine große Tradition des Empfangens. Martha Argerich und ich setzen uns dafür ein, dass syrische Flüchtlinge nach Argentinien kommen können.

In Ihrem West-Eastern Divan Orchestra spielen auch junge Musiker aus Syrien mit?

Ja, aber unsere syrischen Musiker sind alle draußen geblieben und fahren nicht mehr zurück. Was sollen Sie dort im Moment? Obwohl das Orchester in Damaskus immer noch spielt, ich glaube zweimal im Monat.

Sie wollten im Iran ein Konzert mit der Staatskapelle geben, aber es gab internationale Verwicklungen darum. Das Projekt wurde letztlich in Teheran gestoppt. Inzwischen hat der Iran in Fragen der Atomkontrolle eingelenkt, die internationalen Sanktionen sind gelockert worden, gerade auch die deutsche Wirtschaft frohlockt. Werden Sie jetzt im Iran dirigieren?

Das Konzert war nicht abgesagt, sondern nur verschoben worden. Wir müssen die Wahlen im Iran jetzt im Februar abwarten. Die Iraner müssen zeigen, ob sie wirklich Offenheit wollen oder ob die Hardliner das nicht erlauben. Es geht doch nicht nur um ein Konzert. Wissen Sie, der Iran kann sehr gut ohne mich leben, und ich habe fast 70 Jahre auf der Bühne gestanden, ohne in den Iran zu fahren. Aber interessieren würde es mich sehr. Wir haben auch im Divan Orchester vier oder fünf Iraner.

Die israelische Regierung war verärgert, weil Sie als Künstler auf den Erzfeind Iran zugehen wollen.

Ich finde die ganze Geschichte zwischen Israel und dem Iran unverständlich. Es gibt jetzt drei wichtige Mächte im Nahen Osten, das sind die Türkei, Israel und der Iran. Israel war noch nie so sicher wie jetzt. Und es gibt keinen wirklichen ideologischen Konflikt zwischen Israel und dem Iran, sondern nur einen geopolitischen. Der Iran könnte sogar ein Schlüssel sein, um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu lösen. Aber leider sind im Moment beide Seiten blind. Wir müssen abwarten.