Konzert in Berlin

The Vibrators spielen in Friedrichshain - Und der Club kocht

Im Cassiopeia bieten die Londoner Punkhelden ein energiegeladenes Konzert. Schon vor fast 40 Jahren trat die Band in Berlin auf.

Punkhelden: die Vibrators aus London

Punkhelden: die Vibrators aus London

Foto: Neus Ruiz

Sie entstammen einer Zeit, in der noch nicht täglich gefühlte zwei Dutzend angehende Superstars durch YouTube getrieben wurden. Als „jeder kann mitmachen" noch das Motto war für bunte Abende in der Dorfdisko oder Talentwettbewerbe im Gemeindesaal und keine Blaupause für ein Casting-Showkonzept zur Hauptsendezeit im Fernsehen.

Als die Londoner Punkband The Vibrators 1976 zum ersten Mal auf eine Bühne stieg, lief der Rock 'n' Roll gerade Gefahr, in Schwulst und Bombast zu verkommen. Und Punkrocker wie The Clash, The Sex Pistols, The Adverts oder eben The Vibrators zettelten eine der letzten Revolutionen der Rockgeschichte an.

Ein Kraftpaket mit jeder Menge Energie

Vierzig Jahre später stehen die Drei-Akkorde-Rebellen nun vor vollem Haus im Cassiopeia Club in Friedrichshain im rot-blauen Rampenlicht. Nur noch Schlagzeuger John „Eddie" Edwards ist von der Originalbesetzung übrig geblieben. Der einstige Frontmann Ian „Knox" Carnochan ist der Band zwar immer noch verbunden, versagt sich aus gesundheitlichen Gründen aber die ausgiebigen Tourneen, die die Vibrators immer noch umtreiben. Bereits seit 2003 gehört der finnische Bassist Pete Honkamaki (Ex-No Direction) zur Band. Gitarrist Darrel Bath (Ex-UK Subs) komplettiert seit gut drei Jahren die Vibrators zum Trio. Und dieses Kraftpaket produziert jede Menge pure Energie.

Das Publikum ist altersmäßig überraschend bunt gemischt, doch gibt es sichtlich viele Weggefährten, die der Band über die Jahrezehnte die Treue halten. Schnell ist klar, wer hier das sagen hat. Eddie Edwards ist der Ansager, der Stimmungsmacher, der Antreiber. Sein Schlagzeug dominiert die Bühnenmitte, er übernimmt auch einige der Gesangsparts. Er gibt mit berserkerhafter Exaktheit das Tempo vor, auch soundmäßig ist sein Drumkit weit nach vorn gemischt.

Schon vor fast 40 Jahren in Berlin gespielt

Mit einer ihrer ersten Singles, „Bad Time" von 1977, eröffnen die Vibrators diesen Abend. Das Stück spielten sie schon vor nahezu 40 Jahren in Berlin. Sie waren die Band, die den Punkrock von der Insel nach West-Berlin gebracht hat. Im Februar 1977 war das. Im Kant-Kino. Und ihr Auftritt gilt als erstes Punkkonzert in Berlin. Er war so etwas wie eine Initialzündung. Und es gilt als Geburtsstunde der ersten Berliner Punkband PVC („Wall City Rock"), die noch im Herbst desselben Jahres gemeinsam mit den Vibrators im Kant-Kino spielten.

„We want the world and we want it now", hatte Jim Morrison mit den Doors 1967 gefordert. "We need a new solution, we want it quick", hieß das zehn Jahre später bei den Vibrators in "Troops of Tomorrow", einem Stück, das schon weit über die konsequente Schlichtheit des Punk hinaus ging. „Wir haben das 1977 für euch in Berlin gespielt", kündigt Eddie Edwards an, „und wir spielen es auch heute." Bedrohlich, geradezu psychedelisch klingt das von Darrel Bath auf der Gitarre gespielt Intro, bis sich das Stück wuchtig und machtvoll entlädt.

Vorne pogend, hinten sitzend

Natürlich gibt es die frühen Erfolge wie „Automatic Lover" oder die geradezu poppige Ballade „Baby Baby", die später von den Toten Hosen gecovert wurde, doch auch die neueren Songs stehen den alten Krachern in nichts nach. Gut zwei Dutzend Studio- und Livealben haben die Vibrators bis heute veröffentlicht. Davon gibt es auch einiges zu hören, wie „Blackout" und das pumpende „Rats" vom 2014 erschienenen Album „Pure Mania – Back to The Roots". Vor der Bühne wird Pogo getanzt, weiter hinten geht es etwas ruhiger zu, manch gereifter Fan genießt den Abend lieber sitzend an der Bar.

Es ist letztlich der gute, alte britische Pub-Rock, den die Vibrators mit viel Punk-Energie und dezent-lautstarken Blues- oder Country-Zitaten anreichern. Selbst „Disco In Moscow" donnern sie durch den Laden, angereichert durch die Zeile „Disco in Cassiopeia Berlin", bevor sie nach gut einer Stunde Power-Rock-'n'-Roll mit „The Kid's A Mess" von 2003 in die Zielgerade gehen. Nicht nur die Band schwitzt. Der Club kocht. Die Zugaberufe sind lautstark, und natürlich kehren die drei Musiker für drei Zugaben zurück. Der Rock 'n' Roll ist nicht totzukriegen. Er hat sich nur wieder in die Clubs zurückgezogen. Dorthin, wo alles anfing. Und wo es auch ohne YouTube immer weitergeht.