Kultur

Ein Bild von einem Mann

Frauenliebling, jüdischer Soldat, erstochen: Norbert Gstrein legt mit „Der freie Himmel“ einen arg verrätselten Roman vor

Es ist eine Freude, die Namen der in diesem Roman immer mal wieder en passant genannten Schriftsteller zu lesen. Da wären Saul Bellow, Philip Roth und Malcolm Lowry – nicht die schlechtesten Referenzen, oder? Die Literaturheroen sind Gegenstand der Gespräche zwischen John und dem Ich-Erzähler Hugo, sie und ganz viel anderes. Wobei dieses andere, wenn es nicht um Kunst, Bücher und Frauen geht, immer Israel und das Judentum, die Shoah und die Schuld der Täter ist.

Bellow und Roth als Repräsentanten der amerikanisch-jüdischen Literatur, Lowry als begnadetster Säufer unterm Dichterhimmel; kein Wunder, dass sie die Lektüre der Wahl für die exzentrische und von den Geistern der Vergangenheit getriebene Figur John sind. Dieser John ist schon am Anfang von Norbert Gstreins neuem Roman „Die freie Welt“ tot, aber in den Gedanken der noch Lebenden höchst lebendig. Auf offener Straße erstochen worden ist er in San Francisco, der Stadt, in der er lebte.

Wie es dazu kam, ist eine der Fragen, der der Erzähler, der wie Gstrein österreichischer Schriftsteller ist, in diesem seltsam hybriden Roman nachgeht. Gstrein, 1961 in Tirol geboren, unternimmt in „Die freie Welt“ den ambitionierten Versuch, mit jenem Ex-Alkoholiker John, der der Sohn einer Holocaust-Überlebenden ist, eine maximal enigmatische Person in die Gegenwartsliteratur einzuführen. Eine Person, die Frauenliebling, Soldat im Dienste Israels, Poet an der amerikanischen Westküste, rastloser Vagabund in einem ist. Auf mehreren Zeitebenen nähert sich Gstrein dem Mordskerl, der ein Bild von einem Mann ist und wie einer Hemingway-Fantasie entsprungen scheint.

John, der erklärte Zionist, ist zerrissen zwischen den Selbst- und Fremdzuschreibungen: Einerseits apostrophiert als „Muskeljude“, der in den Krieg gegen den Libanon zieht, malt er andererseits expressionistische Bilder, die Titel wie „Self-Portrait as a Hated Jew“ tragen. Der Jude, das unbekannte Wesen, das sich allen Vorurteilen und Stereotypen zum Trotz einer Beschreibung entzieht: Darum könnte es dem preisgekrönten Autor Gstrein gehen.

Genau weiß man das im Fortgang der Geschichte irgendwann nicht mehr. Apropos: Welche Geschichte ist es eigentlich, die Gstrein erzählen will? Neben den Dialogen über den verblichenen John, die seine Biografie rekapitulieren, und den Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse in Kalifornien, Israel und Mauthausen nimmt das Erkenntnisinteresse des Erzählers breiten Raum ein. Er dröselt für sich und den Leser den Nahostkonflikt noch mal so auf, als gäbe es im Treibhaus der hassenden Palästinenser und Hardliner-Israelis noch irgendetwas Neues zu sagen und das am besten in möglichst breit ausgewalzten Szenen. Es gibt eine Gegenfigur zu John, den Möchtegern-Dichter Marwan aus den besetzten Gebieten mit seinen literarischen Mordfantasien, Gstrein porträtiert ihn bemerkenswert gnadenlos als zwielichtigen Typen. Was die Figur nicht weniger stichhaltig macht.

Der Beinahe-Krimi-Plot – wer war es, der John umbrachte? – vermag noch am ehesten zu fesseln. Insgesamt stellt sich jedoch der Eindruck ein, dass es dem Roman „Die freie Welt“ an dem Zentrum mangelt, das der rätselhafte John nicht sein kann und nicht sein soll. Der Roman ist dem Amerikaner Alan Kaufman gewidmet, der das Erinnerungsbuch „Jew Boy“ geschrieben hat.

Überzeugend und in seinen Beschwernissen nachvollziehbar ist das Loyalitätsproblem, auf das die Erzählerfigur beim Besuch Israels und der autonomen Gebiete stößt: Beide Seiten pochen auf ihren je eigenen Leidensdruck. Wiedererkennungswert haben die Scheinheiligkeit der Political Correctness und das Bemühen der Kindesgeneration der Täter, Buße zu tun oder zu verstehen – letztlich gehört der ganze Versuch einer John-der-starke-Jude-Heldensaga dazu. Sozialpsychologisch ist das interessant, aber für die von Gstrein gewählte Konstruktion eines immerhin 500 Seiten dicken Romans zu fadenscheinig. Das deutsch-jüdische Drama, das hier aus Sicht eines manchmal auch nur schlicht neugierigen Erzählers auf der Suche nach seinem Stoff ins Werk gesetzt wird, will man am Ende eben lieber aus der Perspektive von John selbst lesen.