Klassik

Naomi Yoshida ist die Ausnahme von der Regel

Warum gibt es eigentlich keine japanische Jungmusiker in der Staatskapelle? Mutmaßungen während der Asientournee

„Meine Freunde sagen, ich sei gar keine richtige Japanerin mehr“, sagt Naomi Yoshida

„Meine Freunde sagen, ich sei gar keine richtige Japanerin mehr“, sagt Naomi Yoshida

Foto: Volker Blech / BM

Dass die Staatskapelle keine japanischen Musiker in ihren Reihen hat, fällt einem umso deutlicher auf, wenn man das Orchester auf einer Japan-Tournee begleitet. Ein gewisser Anteil japanischer, chinesischer oder koreanischer Musiker ist in mitteleuropäischen Orchestern längst üblich. Die Musikhochschulen in Deutschland sind voller asiatischer Studenten und Absolventen. In der Staatskapelle kann niemand so recht erklären, warum japanische Jungmusiker die Hürden der Aufnahme noch nicht überwunden haben. Es ist die Rede davon, dass man schon den typischen Staatskapellen-Klang haben wolle, der sei voll, weich, satt und samtig. Die Berliner Staatskapelle ist im Vergleich etwa zu den Philharmonikern, die mit ihrer internationalen Besetzung werben, im Inneren ein deutsches Orchester geblieben.

Zu viel Höflichkeit und soziale Zwänge

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Unter den mitreisenden Posaunen ist Naomi Yoshida zu entdecken, die zur Orchesterakademie der Staatskapelle gehört. Die 28-Jährige stammt aus Kyoto, und auf der Bruckner-Tournee hat sie von Osaka aus auch schnell einen Abstecher nach Hause gemacht. Abends beim Konzert in der Osaka Festival Hall ist ihre Mutter dabei. Sie könne sich nicht mehr vorstellen, sagt die junge Musikerin, nach Japan zurück zu kehren. „Meine Freunde sagen, ich sei gar keine richtige Japanerin mehr.“ Sie könne sich mittlerweile auch kaum noch vorstellen, in einem japanischen Orchester zu spielen, sagt sie. Ein bisschen zu viel Höflichkeit und soziale Zwänge.

Naomi Yoshida gehört zur Orchesterakademie der Staatskapelle. Mit 18 Jahren war sie zunächst nach Tokyo zum Studium gegangen, zwei Jahre später wechselte sie an die Berliner Universität der Künste. Stefan Schulz ist dort ihr Lehrer gewesen. Der gehörte bis 2002 zur Staatskapelle, bevor er zu den Philharmonikern wechselte. Naomi Yoshida hat schließlich mit 46 anderen Bewerbern ein Probespiel für die Orchesterakademie gemacht. Irgendwie wurde nichts daraus, aber dann wurde sie gefragt, ob sie bei Puccinis „Tosca“ mitspielen könne? Es folgte Wagners „Tannhäuser“. Am Ende seiner Premieren holt Daniel Barenboim immer sein Orchester auf die Bühne, Naomi zog er mit nach vorn. Daran kann sie sich gut erinnern. Es folgte eine Gastreise, und irgendwann wurde ihr mitgeteilt, dass Maestro Barenboim sie für die Stelle in der Orchesterakademie empfiehlt.

Wenn sie einmal im Jahr in Japan ist, dann geht sie zu ihrer Posaunenwerkstatt in Osaka. Die Firma residiert in einem modernen Geschäftshaus. Am Eingang hängt der deutsche Meisterbrief des Metallblasinstrumentenmachers Shohei Yonekura, der in Reutlingen geprüft wurde. Naomi Yoshida hat eine kleine Reparatur an ihrem Instrument. Nebenbei sucht sie nach einer neuen Posaune, spielt mehrere durch. Plötzlich steht Staatskapellen-Hornist Frank Demmler in der Tür. Er gibt einen Meisterkurs im Haus. In Deutschland sind dafür die Musikhochschulen zuständig. In Japan, so Demmler, würden das die Werkstätten mit übernehmen. Am Donnerstag ist die Staatskapelle von Osaka für ein Konzert nach Nagoya weitergereist.

Die Reise erfolgt auf Einladung der Staatskapelle Berlin