Klassische Musik

Die Staatskapelle in Japan: Klassische Musik ist hier modern

Die Staatskapelle ist für eines ihrer größten Gastspiel in Japan. Das asiatische Publikum trägt Atemschutzmasken.

Gruppenfoto: Die beiden Orchestervorstände Susanne Schergaut (Geige), Volker Sprenger (Solo-Bratsche), die Dirigenten Daniel Barenboim und David Afkham (v.l.) Foto: Fuji Television

Gruppenfoto: Die beiden Orchestervorstände Susanne Schergaut (Geige), Volker Sprenger (Solo-Bratsche), die Dirigenten Daniel Barenboim und David Afkham (v.l.) Foto: Fuji Television

Foto: Fuji Television

Das New Otani Hotel in Tokyo, in dem die 129 Musiker der Staatskapelle Berlin auf ihrer Japan-Tournee übernachten, versucht alles, um seine Gäste bei der Winterkälte nicht aus dem Haus zu lassen. Es gibt eine elegante Shoppingmall, im Treppenhaus eine kitschige Hochzeitskapelle und einen 400 Jahre alten, malerischen japanischen Garten.

Vom Frühstücksrestaurant aus können die Musiker durch dicke Glasscheiben auf den Hotel-eigenen Wasserfall blicken. Die Konferenzräume fürs Business liegen gleich am steinernen Zengarten, der in seiner Kargheit normalerweise der Meditation in buddhistischen Tempeln dient. Drumherum ragen die Firmenzentralen und andere Hochhäuser auf.

Die Vorbereitungen waren für die Musiker mühsamer als sonst

Die klassische Musik, die in Deutschland als eine abendländische Tradition behütet wird, gilt in Japan als etwas Modernes. Die aufstrebende Industrienation hatte sich im 20. Jahrhundert dieses kulturelle Importprodukt aus dem Westen geleistet. Es kommt nicht von ungefähr, das sich für diese „Grand Concert 2016“-Tour der Tokioter Technologiekonzern Toshiba ins Zeug wirft. Die Klassikbegeisterung gehört auch zum internationalen Geschäft.

In den Anfängen stand einmal Beethovens Neunte Symphonie am Klavier gespielt, erzählt Daniel Barenboim bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Gerade einmal fünf bis sechs Jahrzehnte ist es her, seit sich die großen Solisten und Orchester mit Beethoven und Mozart regelmäßig nach Japan aufmachten. Barenboim hat 1966, damals als Pianist, sein Debüt gegeben. Seit fünfzig Jahren ist der langjährige Chef der Staatsoper Unter den Linden in Fernost unterwegs.

In gewisser Weise hat er diese Moderne mitgeprägt. Und so verwundert es kaum, dass ihm und seinem Orchester hier der rote Teppich für ein Gastspiel ausgerollt wird, dass als das größte in der Geschichte der Staatskapelle bezeichnet wird. Im Zentrum steht ein Bruckner-Zyklus in der Suntory Hall in Tokio. Die vor 30 Jahren eröffnete Konzerthalle, die der Berliner Philharmonie nachempfunden wurde, liegt wie das Hotel im noblen Stadtteil Akasaka.

Es gilt viele Tickets zwischen umgerechnet rund 100 bis 250 Euro zu verkaufen. Zu der Pressekonferenz finden sich rund 50 Medienleute nebst Kameras ein. Die Präsentation rund um den Maestro soll auf die Tournee einstimmen. Und auch auf Bruckner, der hier nicht unbedingt zum Konzertrepertoire gehört. Barenboim verweist darauf, dass es der allererste Bruckner-Zyklus in Japan ist. Bei zwei- oder dreimal Bruckner pro Saison höre man die Gemeinsamkeiten der Sinfonien, erklärt der Dirigent, in einem Zyklus erlebe man die Unterschiede.

Ansonsten erinnert sich Barenboim daran, wie ihn vor 50 Jahren die „Konzentration und Stille des Publikums erstaunt“ haben. Er hätte verschiedene Leute dazu befragt und die unterschiedlichsten Antworten bekommen. Aber der Dirigent hat seine eigene Deutung dafür: „Vielleicht hängt es damit zusammen, dass uns Respekt mit allem verbindet, was geistig ist. Das Publikum hat das Gefühl, es hört eine wichtige menschliche Aussage.“ Er freue sich, sagt Barenboim, dass es so in Japan geblieben ist.

Die Tourneevorbereitungen waren für die Berliner Musiker diesmal mühsamer als sonst. Die internationalen Artenschutzabkommen haben auch die Orchester erreicht. Wegen verschärfter Bestimmungen in China – in Schanghai begann die Fernost-Tournee – mussten vorab mehr als 60 Streichinstrumente und 120 Bögen auf Tropenholz und Elfenbein kontrolliert werden. Horrorgeschichten sind unter den Musikern unterwegs, China, Japan, die USA und die Schweiz gelten als Hardliner.

Wochenlange Tourneen sind für alle Beteiligten stressig

Der amerikanische Zoll habe bei einem anderen Orchester vor zwei Jahren wertvolle Bögen einfach einbehalten, geht es um, weil die geforderten Dokumente nicht vorlagen. „Das hat wirklich alle aufgeschreckt“, sagt Geigerin und Orchestervorstand Susanne Schergaut. Vorm Konzert in der Suntory Hall erklärt die Geigerin, wie es bei ihrem „kostbaren Leihinstrument“ abgelaufen ist. Mit der Geige ist sie zu den Geigenbauern Kogge & Gateau in die Schillerstraße gegangen, gleich um die Ecke vom Schiller-Theater. Die Begutachtung verlief kurz und schmerzlos.

Mit dem Geigenbogen musste sie anschließend zu einem Bogenbauer nach Schöneberg. Der entdeckte eine heute verbotene Umwicklung aus Schlangenleder und dass die Kopfplatte an der Spitze aus Elfenbein war. Jetzt sind es Echsenleder und eine Beinplatte. Jedes Instrument bekommt seinen eigenen Pass, der regelmäßig erneuert werden muss. Aber auch der hilft nicht immer, wie ein Geiger bei der Einreise nach China erfahren musste. Plötzlich wurde für seinen Bogen eine Erklärung auf Chinesisch gefordert. Alle Beteiligten waren irgendwann genervt und der Geigenbogen durfte nicht einreisen. Der Besitzer konnte ihn aber bei seiner Weiterreise nach Japan wieder abholen.

Es gibt Musiker, die schwärmen von China. Das Hotel, der Konzertsaal, der Service seien dort sogar besser als in Japan. Und das hat schon etwas zu bedeuten. Andere meinen, die Hotelzimmer in Schanghai waren zu kalt und überhaupt konnte man mit niemandem reden. Wieder andere beschweren sich darüber, dass man jetzt im Tokioter Hotel nicht üben darf. Wochenlange Tourneen sind für alle Beteiligten stressig. Einigkeit herrscht darüber, dass das asiatische Publikum eine besondere Aufmerksamkeit besitzt. Das Publikum in der Suntory Hall wirkt während des Konzerts am Montag sehr konzentriert und zurückhaltend. Erst ganz am Ende bricht der Jubel hervor.

Eine Kuriosität ist in der Erkältungszeit zu beobachten, denn in Japan tragen viele auf der Straße Atemschutzmasken. Die werden auch im Konzertsaal nicht abgesetzt. Selbst die eleganteste Dame trägt Maske, wenn es der Gesundheit dient. Es ist ein ungewohntes Bild, wenn man ins Publikum schaut und so viele weiße Masken in den Reihen sitzen sieht.

Die Reise erfolgt auf Einladung der Staatskapelle Berlin