Kultur

Wie Musizieren jenseits der Noten erfahrbar wird

Die Filmdoku „Dirigenten – Jede Bewegung zählt“

Orchesterdirigieren als Wettbewerb, ja fast als sportlicher Wettkampf – darum geht es in dem Dokumentarfilm "Dirigenten – Jede Bewegung zählt!". Durch drei Runden hat Regisseur Götz Schauder den Internationalen Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti in Frankfurt mit der Kamera begleitet, und er ist tatsächlich dicht an die Arbeit, das Denken und Fühlen der Kandidaten gekommen – wenn auch nicht immer unbedingt nahe an die innere und äußere Realität des Dirigentenberufs. Dass der Titel etwas in die Irre führt, sei verziehen, im Lauf des Films wird deutlich, dass man eine ungünstige Bewegung schon mal verzeihen kann. Filmemacher Schauder führt den Zuschauer gleich zu Beginn auf die richtige Fährte, zur richtigen Haltung gegenüber dem, was ein junger Dirigent ist: ein unermüdlich lernender Musiker.

Die aus Mexiko stammende Alondra de la Parra wird in New York auf dem Weg zum Flughafen gezeigt, wo sie den Flieger nach Frankfurt nehmen wird. Sie beschreibt ihren Alltag so, dass sie sämtliche Freizeitaktivitäten über Jahre hinweg dem eisernen Üben und Partiturstudium geopfert hat. Gut, dass bereits an dieser Stelle davon die Rede ist, denn ­alle jungen Musiker, die in Frankfurt eintrudeln, haben, ohne dass dies noch einmal extra gesagt wird, ein fast komplettes Musikstudium hinter sich. Einschließlich des 19-jährigen Usbeken Aziz Shokhakimov, der gegen Ende zur heimlichen Hauptperson des Films wird.

Ein Orchester entscheidet schnell, ob es einen Dirigenten akzeptiert

Wenn der Wettbewerb beginnt und die Kandidaten mit zwei Orchestern arbeiten, werden jene Qualitäten des Dirigierens verhandelt, die ein Film eben jenseits der Noten dankbar zeigen kann: Charisma, Persönlichkeit, zwischenmenschliche Feinheiten. Der Regisseur weiß um die Möglichkeiten des Musikfilms, obwohl seine Herangehensweise unprätentiös ist und er auf cineastische Effekte zugunsten wahrheitsgemäßer Wiedergabe der Arbeit klassischer Musiker ganz verzichtet. Zu dieser Arbeit gehört schonungslose Ehrlichkeit. So hält die Kamera gnadenlos drauf, als der junge Usbeke vom Konzertmeister des Orchesters abgekanzelt wird. Die Szene könnte den Verdacht schüren, dass unter professionellen Musikern strengere Gesetze gelten als unter anderen Leuten. Doch das ist eben nicht der Fall: Was von diesem Film vielleicht zu erwarten gewesen wäre, was er aber doch nicht vermag, ist das atmosphärische Einfangen wechselnder Beziehungsfeinheiten zwischen den Kandidaten und ihrem Klangkörper. Dass ein Orchester innerhalb kürzester Zeit entscheidet, ob es einen Dirigenten akzeptiert, ist wohl wahr, wird aber eher verkündet als filmisch herausgeholt. Vielleicht gab es dazu auch keine Gelegenheit – und damit würde dieser durchaus sehr vergnügliche Film unabsichtlich auch eine gewisse Absurdität der Idee zeigen, Dirigieren, diese chaotische Beziehung des Einen und der Vielen, als sportlichen Wettkampf zu verstehen.

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